England steht im Viertelfinale! Was für ein Glück, denn genau das brauchte die Nation ganz dringend. Endlich einmal erfolgreich sein, endlich einmal die anderen, ganz besonders die stets überlegenen Deutschen, abhängen. Die dreimal schlauen Europäer überholen, ihnen zeigen, dass man auch alleine ganz nach vorne kommen kann. Mich freut es und ich fiebere bei jedem Spiel mit. Nachdem sich unsere Fußballer bis auf die Knochen blamiert haben, gehört den englischen Footballern mein Herz. Selbst wenn es nicht bis ins Finale reichen sollte, haben sie mehr erreicht, als man hoffen konnte. Die zuhause gebliebenen Landsleute sind erwacht, sie wandeln sich gerade merklich vom zurückhaltenden Briten zum selbstbewußten Engländer. Und was das bedeutet, ist gar nicht einfach zu erklären. Ich will es trotzdem versuchen.

 

 

Das Foto der jubelnden Fans gibt eigentlich schon die Antwort, aber wer es noch nicht sieht, muß sich noch ein wenig gedulden. Ich komme später darauf zurück. Zunächst muß ich klären, was mit ‘Englishness’ gemeint ist. Immerhin nutzen die Engländer nicht weniger als sechs Namen für ihre Heimat: England, Britain, Great Britain, the British Isles, the United Kingdom und -ziemlich veraltet und nur für den abgehobenen Moment tauglich- den altehrwürdigen Namen Albion. Frage ich (m)einen Engländer in London, ob er sich britisch oder englisch fühlt, bekomme ich immer die Antwort: “English”. Aber was genau macht einen Briten zum Engländer? Ist ‘Englishness’ irgendwo definiert? Mein Freund George versucht es mir zu erklären. Für ihn ist die Sache einfach, da muß er gar nicht lange nachdenken: “Englishness is afternoon tea, other people do it, even in the other home nations, but it’s always English”. Ein Satz mit Sprengkraft, denn die ‘other home nations’ sind Wales und Schottland und genau davon grenzt sich der Engländer ab. Nordirland lassen wir mal wo es ist, nämlich auf der anderen Insel; das ist ein Sonderfall.

Während ich an diesem Artikel schreibe, stellt mir George eine Tasse Kaffee auf den Schreibtisch. “Danke”, die Milch hat er bereits hinzugefügt. Das liegt aber nicht daran, dass wir uns schon lange kennen, sondern an seiner englischen Herkunft; er serviert jedem Gast den Kaffee mit Milch. “How else? You can’t enjoy your tea without milk. The same goes for coffee.” Eine Verallgemeinerung, die nur für ihn unumstößlich wahr ist. Aber egal. Ich versuche es noch einmal, vielleicht kann er mir doch noch eine wesentliche Eigenschaft nennen, die den Engländer ausmacht. Und tatsächlich bekomme ich eine Antwort: “Englishness is having a deep seated sense of cultural superiority over all other cultures, especially Scottish, Welsh, Irish, French, American and German”. Ich gebe es auf.

 

Auf einer Webseite der britischen Regierung wurden zwölf Ikonen benannt, die als typisch englisch gelten. Daraus suche ich mir mal ein paar Beispiele heraus:

1.) Punch and Judy: Ein ursprünglich aus Italien stammende Puppenshow. Eine ‘Kasperle’ Aufführung für jung und alt. Erstmals sollen Punch (Kasperle) und Judy (seine Frau) auf dem Marktplatz von Covent Garden gezeigt worden sein. Heute werden die Buden an jedem Badestrand aufgestellt. A visit at the seaside isn’t complete without seeing a Punch and Judy show.

2.) A cup of tea: Das bedarf keiner Erklärung.

3.) Alice in Wonderland: Der englische Autor Lewis Carroll hatte damit das erste Kinderbuch geschrieben, das keine offenen oder versteckten erzieherischen Hinweise oder moralische Motive enthielt. Die Geschichten zielten alleine auf die Unterhaltung der Kinder ab. Ein urenglisches Motiv: Give pleasure and entertainment.

4.) Portrait von Henry VIII: Ausgerechnet das Bild des deutschen Hans Holbein gilt den Engländern als hilfreich, um den mächtigen König in all seinen Faszetten zu verstehen. Heinrich VIII. stellte Weichen, indem er die anglikanische Kirche begründete.

5.) The Routemaster Bus: Der gehört zu London und ist deshalb typisch englisch. Die modernen Nachbauten sehen ihm noch immer ähnlich, allerdings ohne rückwärtige Öffnung. Das jump-on jump-off wurde aus Sicherheitsgründen abgeschafft. Inzwischen ist der Verkehr so langsam geworden, dass man es wieder einführen könnte.

6.) Jerusalem: Damit ist das Lied gemeint, dass in der ‘Last Night of the Proms’ mit Inbrust gesungen wird. Eine Hymne mit merkwürdigen Text, denn es geht um einen Ausflug des jungen Jesus zusammen mit seinem Großonkel Joseph von Arithmea. Sie sollen England besucht haben, um Zink in Wales zu kaufen. Dabei kamen sie auch nach Glastonbury. Eine ziemlich schräge Geschichte, die auf ein Gedicht von William Blake basiert. Immerhin hat der irische Rocksänger Van Morrison die Idee in einem seiner Songs verarbeitet, wo es heißt: ‘Did you ever hear about Jesus walkin’ / Jesus walkin’ down by Avalon?’ Die Engländer würden ‘Jerusalem’ gerne zu ihrer Nationalhymne machen, denn, -und das mag jetzt überraschend sein-, das Lied ‘God Save the Queen’ wird von allen Briten gesungen und ist nicht der Favourit der Engländer.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Engländer früher sehr klassenbewußt waren. Damit meine ich nicht nur den Stolz auf ein vermeintlich höheres Ansehen, sondern vor allem das Bewußtsein der verschiedenen, feinabgestuften gesellschaftlichen Schichten. Man ordnete sich zu und verhielt sich dann entsprechend. Das zeigte sich in der Kleidung, in den Vorlieben und vor allem auch in der Sprache. George erzählte mir mal “I was born into the lower-upper-middle class”. Das muß man erst mal sacken lassen. Besonders den älteren Leuten merkt man eine konservative Gesinnung in manchen Alltagsgesprächen an. Da schimmert dann ein altbackenes Weltbild durch, das von weisshäutigen, braven, manchmal exzentrischen Menschen geprägt ist, wie wir sie in der TV Serie ‘Midsumer Murders’ erleben konnten. Dort jagte Inspektor Barnaby durch ein idyllisches Land- und Dorfleben, dass keinen Platz für Minderheiten hatte. Natürlich war das Drehbuch ironisch überzeichnet, aber es war durch und durch Englisch und nicht Britisch. Der Produzent stellte bei einer Diskussion die provokante Frage: “A black gardener in Midsomer?” und prompt schüttelte auch ich ablehnend den Kopf.

Das englische Reich umfasste stets den Südteil der Insel, hinauf bis in die Midlands, und lange Zeit gehörte auch Wales, also die Westküste dazu. Britannien umfasste den Erdball, von Kanada bis Neuseeland, von Indien über Südafrika, bis in die Karibik. Das sind zwei Kosmen mit ganz unterschiedlichen Weltbildern. Allerdings haben sie eine Gemeinsamkeit, nämlich ihr geo- und machtpolitisches Zentrum in London. Und dort machte es Sinn die Frage zu stellen: Are you British or English? Noch vor zwanzig, dreißig Jahren machte die jeweilige Antwort einen gewaltigen Unterschied. Inzwischen ist der Engländer multikulturell geworden, vor allem in den Großstädten. Da ist der Graben zwischen den englischen und britischen Ansichten längst mit Erfahrungswissen aufgefüllt worden.

 

Die meistverkaufte TV Krimiserien Englands wird noch heute im ZDF gezeigt. Inspektor Barnaby, -der erste und ‘richtige’-, fing 1997 an zu ermitteln. Sein erster Fall spielte in Badger’s Drift.

 

Eine sehr sympathische englische Eigenschaft ist ihr anti-militärischer Charakter. Auf den ersten Blick mag es anders scheinen, denn mitten in London, in Westminster, sieht man ständig Soldaten aufmarschieren. Aber in ihren roten Uniformen, mit den gold blitzenden Knöpfen und den tiefschwarzen Fellmützen sind sie ein willkommenes Fotomotiv und keine Bedrohung. Ganz besonders wenn sie auch noch hoch zu Roß vorbeireiten. Was für ein wunderschönes Bild. Überhaupt hat der Engländer eine erstaunlich entspannte Einstellung zum kriegerischen Militär. Man kann es gut an den Gedenktagen erkennen. Der Engländer feiert stets die erlittenen Niederlagen und Rückzüge; seine Siege bleiben unerwähnt. Das bekannteste englische Kriegsgedicht handelt von einer Reiterbrigade, die im Gefecht die falsche Richtung einschlägt. Ein unfreiwillig (?) komisches Poem.

 

Diesen Helm habe ich im Guards Museum entdeckt. Er wurde von einem Soldaten im Irak Krieg getragen. Für ihn ging es um Leben oder Tod, aber das hindert den Engländer nicht daran, seinen Humor zu zeigen. Englishness.

 

Ein Freund von George brachte es mir gegenüber einmal gut auf den Punkt, als er mir sagte: “Immigrants like you can become British, but never English”.  Rumms, das hatte gesessen, war aber nicht böse gemeint. Trotzdem schwang der alte rassistische Unterton mit, den englische football hooligans lange Zeit in andere Stadien mitbrachten. Heute haben sie die St George Flagge dabei und hoffentlich keinen Alkohol. Denn dann kann es ein leidenschaftliches und höchst vergnügliches Ereignis werden. Die faschistischen Auftritte früherer Jahre, sind seit der Milleniumswende überwunden. Und das ist vielleicht der größte Erfolg für die Engländer bei der Weltmeisterschaft 2018. England und besonders London, aber auch Birmingham und andere Städte, sind inzwischen funktionierende multikulturelle Zentren. Menschen aus dem Commonwealth und aus Europa, also aus der ganzen Welt, haben hier eine neue Heimat gefunden. Der amtierende, sehr beliebte Londoner Bürgermeister ist ein Muslim. Die Regierungsmannschaft von Theresa May besteht aus Vertretern aller möglichen Minderheiten. Heute schwingen Menschen aus über einhundert Herkunftsländern stolz die englische Fahne, die mit dem roten Kreuz auf weissen Grund, und bekennen sich damit ihrer erworbenen ‘Englishness’. Und das ist gut so, denn wer heute noch immer die St George Flag als Symbol der Fremdenfeindlichkeit betrachtet, ist in seiner Entwicklung hoffnunglos veraltet, out of touch. Drücken wir also den Männern mit den ‘3 Lions’ auf ihren Trikots die Daumen. Sie sind die Gewinner, weil sie die neue, multikulturelle, englische Gesellschaft der ganzen Welt präsentieren.

 

Früher zeigte man den Union Jack. Heute wird selbstbewußt die St George Flagge gezeigt. Achten Sie mal drauf, beim nächsten Sportereignis (Fußball, Tennis …) werden Sie es sehen.