Jeder hat seine Vorlieben, seine Interessen und seine Liste. Auch wenn sie vielleicht nur im Kopf existiert, so ist sie stets griffbereit und steuert unser tägliches Verhalten. Die Dinge oder Personen, die ganz oben notiert sind, haben Vorzug vor den anderen. Auf meiner Liste sind meine London Blogs klar im oberen Drittel notiert, ansonsten könnte ich sie gar nicht schreiben. Ich nehme mir nämlich viel Zeit dafür und würde das sicher nicht tun, wenn mir etwas anderes wichtiger wäre. So eine Prioritätenliste kann sich natürlich täglich ändern, man sollte sie nicht als einen in Stein gemeisselten Lebensplan betrachten.

Was für jeden einzelnen gilt, kann man sicher auch auf Gruppen anwenden. Mitglieder eines Golfclubs haben andere Interessen als Hobbyköche. Was nicht heisst, dass man nicht beides mit Leidenschaft auslebt. – Lange Vorrede zum heutigen Beitrag. Es wird Zeit die Katze aus dem Sack zu lassen. Miau, hier kommt sie. Ich habe Neuigkeiten vom bevorstehenden Umzug des Parlaments aufgeschnappt und sogar erste Bilder des Ersatz-House-of-Commons gesehen. Und da mußte ich schon schmunzeln und wußte sofort, dass da mal wieder ganz viel British Lifestyle mitschwang.

 

Die ‘Dispatch Box’ im House of Commons. Kleine Schilder bitten um ‘please, don’t touch’. Jemand hat das Putzmittel vergessen. Das passt gut, denn eigentlich menschelt es hier, mitten in tiefster Tradition, ungemein.

 

Der Umbau des Westminster Palastes, der bekannterweise den Mitgliedern des Parlaments (MPs) und den Lords Raum zur Arbeit bietet, wird von Grund auf renoviert werden. Es scheint so, als  wäre man schon dabei, denn große Teile sind bereits eingerüstet. Aber das ist erst das Vorspiel. Erst einmal müssen die unzähligen Löcher im Dach geschlossen werden, erst danach wird man mit dem Inneren des Hauses beginnen. Letzte Kritiker sind inzwischen verstummt, denn der Brand von Notre Dame überzeugte auch den größten Optimisten, dass dasselbe jeden Tag in London passieren kann. Der Umbau wird nicht vor 2030 fertig sein und die Arbeiten sind so umfangreich, dass das Parlament ausziehen muß. Das ist ein massives Problem, denn die britische Regierung braucht natürlich einen Saal, wo man debattieren und abstimmen kann. Und er sollte so nahe wie möglich am/im Regierungsviertel liegen. Und man braucht natürlich einen nahe gelegenen Pub, denn Reden macht durstig. Das schien für manche das größte Problem, denn Parlamentarier wollen auch beim Biertrinken unter sich sein und verlagen deshalb, dass die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat. Ich glaube man wurde fündig, ich meine der ‘Red Lion’ ist in der engeren Wahl.

 

Ein Bild das Bände spricht. Hier schließt das Fernsehen die Kabel an, wenn man aus dem House of Lords übertragen will. Wo sie die Stecker herbekommen ist mir ein Rätsel. Es sind runde Anschlüsse, wie man sie vor vierzig Jahren an Tonbandgeräten fand. Die Renovierung ist fällig. Man rechnet mit mehr als 1,5 Milliarden Pfund Kosten. Ob die schon mal auf die Idee gekommen sind, dass man einen Großteil davon bei der EU eintreiben kann?

 

Schließlich wurde man in der Whitehall fündig. Man entschied sich für das Richmond House und bereitete es für den Einzug der MP’s vor. Das Gesundheitsministerium, das dort seine Büros hatte, musste kurzerhand ausziehen. Auch hier war der Platz auf der Liste der Verantwortlichen ausschlaggebend. Sie kennen das Richmond House bestimmt, denn seine Fassade fällt auf. Es liegt auf Höhe des Cenotaph, also kurz vor der Downing Street, aber auf der gegenüberliegenden Seite. Das Mauerwerk des modernen Hauses ist auffällig gestreift und fällt deshalb ins Auge. Wenn dort demnächst (vermutlich nicht vor 2021) die Politiker ein- und ausgehen, werden wir davon nicht viel mitbekommen. Ihre Limousinen werden von einer kleinen Nebenstrasse direkt in die Tiefgarage fahren. Und die Premierministerin, oder dann vielleicht ein Minister, kann eigentlich zu Fuß kommen, denn das Büro/ die Stadt-Wohnung ist quasi gegenüber. Für Sicherheit sorgt wie immer Scotland Yard, sie haben praktischerweise ihr Hauptquartier gleich an der Rückseite des Richmond Houses. Ihr bekanntes Logo, dass sich noch immer sanft vor dem Eingang dreht, steht am Victoria Embankment.

 

Das Richmond House an der Whitehall. Es liegt ein wenig zurück, gegenüber vom Cenotaph.

 

Und was hat mich nun zum Schmunzel gebracht? Das waren die Fotos auf denen zu sehen ist, dass der neue Saal eigentlich wie der alte aussieht. Man hat zwar alles modernisiert, neue Technik und schicke Besuchertribühnen hinter Glas installiert, aber eines ist geblieben. Und das sind die grünen Lederbänke. Sie sind weder bequem noch im besten Zustand. Ich hatte Gelegenheit sie mir aus nächster Nähe anzusehen und war über die deutlichen Gebrauchsspuren überrascht. Aber irgendwie auch gemütlich. Eine Änderung, egal wie geringfügig, wäre für den Briten undenkbar. Und das ist gut so, denn die Dinge, die ganz oben auf der Liste stehen, sind nicht verhandelbar. Wie es scheint, wird man auch die rote Linie vor den beiden ersten Sitzreihen beibehalten. Sie darf von keinem Parlamentarier, während er spricht, überschritten werden. Damit ist sichergestellt, dass man sich nicht per Schwert verletzen kann, denn die Linie sind weit genug auseinander, um den Gegner mit der Klinge zu berühren. Natürlich sind die Politiker heute unbewaffnet, wenn sie sich im Houses of Commons versammeln. Einzig ein Stück Papier mit Stichworten für die Rede und ein Smartphone bringen sie mit. Wenn sie das intensiv benutzten, riskieren sie einen Anschiss vom Speaker. Was macht man aber, wenn einer auf die Idee kommt, sein Handy als Wurfgeschoss zu nutzen? Zum Glück ist es noch nicht passiert. Und weil der Engländer niemals hypothetisch plant, müssen wir warten, bis es passiert. Die Schlagzeile wird wie immer lauten: “How could this have happened?”

 

So wird der Sitzungssaal aussehen, wenn das Parlament im Richmond House tagen muß. Ich war überrascht, dass man die Lederbänke mitnehmen will. Aber warum eigentlich nicht?