… and finally they got cold feet. Nächste Woche wird der neue Premier Minister in die Downing Street einziehen. Alles spricht für Boris Johnson, der beim innerparteilichen Wahlkampf durch seine harte Brexit Haltung gepunktet hat. Er will die Entscheidung am 31. Oktober haben, egal wie sie aussieht. Bloß kein weiterer Aufschub und natürlich auch keine Rücknahme des EU-Austritts. Das wird immer wieder betont und mit drastischen Worten von ihm unterstrichen: “We’re out, deal or no deal” und “do or die” sind eindeutige Ansagen. Und doch darf man sie nicht ernst nehmen, denn er pokert, glaubt mit harter Haltung noch etwas ändern zu können. Die Europäer winken ab, spielen nicht mit und machen klar, dass es keine Nachverhandlungen geben wird. Einzig ein erneuter Aufschub wird in Aussicht gestellt. 

 

Spielchen und Lügen. Boris Johnson hält einen Bückling hoch und behauptet, dass der laut EU Regeln nur mit einem Beutel voller Eiswürfel verkauft werden darf. Das ist Unsinn und wird wenig später auch in den Nachrichten dementiert. Es zeigt aber auch, dass die Engländer noch immer keinen blassen Schimmer davon haben, was die EU bewirkt. Fragt man auf der Strasse, dann bekommt man immer dieselbe Antwort: “Straigth cucumbers and too long condoms.” Sind das wirklich die Gründe, warum man den Brexit will? – Übrigens besser zu lang als zu kurz.

 

Beobachter fragen sich, wie der heißblütige Johnson jemals wieder aus der Nummer herauskommen will? Er hat nicht viel Zeit. Im September tritt das Parlament nach der Sommerpause wieder zusammen und Ende Oktober ist dann Zahltag, dann muß man sich entschieden haben. Man fürchtet, dass Johnson mit dem Kopf durch die Wand gehen könnte, wenn er keinen Erfolge mit seiner Taktik haben wird. Man hält es für möglich, dass er dann tatsächlich trotzig den Brexit ohne Vertrag verkünden wird. Ob er das alleine entscheiden kann, ist ungeklärt. Und genau da haben die Parlamentarier jetzt angesetzt. Gestern wurde ein Abstimmung im Parlament gegen einen solchen Alleingang verabschiedet. Wenn man so will, war das die erste Niederlage für den neuen Premier, bevor er überhaupt im Amt war. Daran sieht man wie aufgeheizt die Stimmung ist. 

Allerdings ist die Lage tatsächlich dramatisch und das scheint sich jetzt endlich auch für die verantwortlichen britischen Politiker real abzuzeichnen. Sie entwerfen in letzter Minute und größter Eile einen Notfallplan, der das Schlimmste verhindern soll. Im Klartext, sie entwickeln eine Strategie, wie man Mr Johnson im Amt des Premier davon abhalten kann, UK aus der EU zu kippen. Und dazu greift man zum letzten aber sehr wirksamen Mittel. Man bittet die Königin (!) um Hilfe. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn die Nachricht nicht von der BBC verbreitet worden wäre. Es hört sich nach einer Revolvergeschichte an, aber es ist bittere Wahrheit. Die Königin ist ‘Head of State’, also Chefin der Regierung. Sie kann jede Entscheidung zum Fall bringen, denn sie hat uneingeschränktes Vetorecht. Davon hat sie noch nie Gebrauch gemacht, allerdings lässt sie sich regelmäßig vom Premier unterrichten und kann in diesen Besprechungen ihre Sicht der Dinge einbringen. Das ist ein völlig legale Einflussnahme, sehr diskret unter vier Augen. 

Das konkrete Szenario sieht so aus. Sollte Premier Johnson das Parlament ignorieren und gegen dessen Wunsch einen Brexit in Kraft treten lassen, dann würde man die Queen bitten, ihn zu stoppen. Konkret würde sie dann zum nächsten EU Gipfel nach Brüssel fahren und dort um Verlängerung des Artikel 50 Prozesses bitten. Na, das wäre ein Ding. Eine Sensation, die noch nie in dieser Form passiert ist, aber natürlich auch ein Gang nach Kanossa, eine Zumutung für die erfahrene Regentin, die immer noch etwas Neues erleben darf oder muß. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ihr das abverlangen wird. Weil aber die BBC das jetzt als offizielle Nachricht veröffentlicht hat, kann man erahnen, unter welchem Druck die Regierung gerade steht. 

Ich spinne die Sache mal weiter. Da kommt dann also die Queen Ende September in Brüssel an. Mit freundlichen Lächeln, Hut auf dem Kopf und Handtasche am Arm, betritt sie den Parlamentssaal und fragt “Is there any room for me?”. Dann gibt sie ihre kurze Erklärung ab und man wird sich höflich erheben und applaudieren. Die EU-Chefs werden sie zu einem Gespräch in einem der bequemeren Räume bitten, wo man für gut 30 Minuten, hinter geschlossenen Türen, bei einer Tasse Tee, die Meinungen austauscht. Danach öffnet sich die Tür, die Queen tritt wieder in den Sitzkreis der Parlamentarier, Frau von der Leyen und Donald Tusk treten ans Mikrophon und verkünden: “Wir danken Queen Elizabeth für den freundlichen Besuch. Wir hatten Gelegenheit uns auszutauschen und sind schnell übereingekommen wie wir den Prozess des Artikel 50 nunmehr unverzüglich beenden werden. Die EU wird zum 1. November 2019 Mitglied des Commonwealth und kann damit den englischen Freunden auch weiterhin eine enge und fruchtbare Zusammenarbeit garantieren. Wir danken für die großzügige Aufnahme in die weltumspannende Gemeinschaft.” Und dann stimmt man noch ‘God save the Queen’ an und geht auseinander, als wäre nix passiert. – Ach bitte, man wird doch noch träumen dürfen.