Gewußt wie, dachte ich mir, als ich einen genialen Hinweis von einem befreundeten Fotografen bekam. “Do you know that you can borrow lenses on the spot?” Nee, das war mir neu und man muß auch erst einmal darauf kommen. Ich wußte zwar aus Hamburg, dass man sich teure Kameraobjektive vor dem Kauf ausleihen kann, um damit ein paar Probefotos zu machen. Aber das einige Londoner Fotohändler sich darauf spezialisiert haben, den Fototouristen das Leben zu erleichtern, indem sie Equipment verleihen, das war mir neu. Per Internet sucht man sich die passende Ausrüstung aus, gibt an für wie lange man die Sachen braucht und bekommt dann einen Preis genannt. Vor der Abreise bringt man alles zurück und fliegt dann man mit leichten Gepäck heim. Einer toller Spartipp, nicht für das Portemonnaie sondern für das Reisegepäckgewicht. Einen Haken hat die Sache dann aber doch, denn wo finde ich denn so eine Leihstelle in London? Muß ich da erst einmal stundenlang mit der Underground fahren? “No problem. I recommend you ‘Camera Exchange’ on The Strand.” Waaaaas? Die haben ihre Filiale in der Straße Strand? In Westminster? “Yes that’s true, 98, Strand.”

Ich kann es gar nicht fassen, denn mein Hotel hat die Adresse 372, Strand. Dann müßte der Laden etwa auf halber Höhe zum Trafalgar Square, auf derselben Straßenseite, zu finden sein. Komisch, denke ich mir, da bin ich schon dutzend mal entlang gegangen und nie ist mir das Geschäft aufgefallen. Ich hätte sofort reagiert, wenn ich Kameras, Objektive und Zubehör in einem der Fenster gesehen hätte. Sehr merkwürdig, also mache ich mich auf die Suche und das wird eine ziemlich komplizierte.

 

Ich fühle mich im Strand Palace Hotel sauwohl. Die Lage ist erstklassig. Zur Zeit werden die fast 700 Zimmer aufwendig renoviert, das wird sehr elegant. Hoffentlich bleiben ein paar ‘cosy rooms’ nach, denn die sind zwar etwas kleiner, aber genauso sauber und bequem. Und die Preise sind bezahlbar.

 

Nie hatte ich darauf geachtet, aber die Hausnummerierung in Central London ist ein bißchen anders als bei uns. In Hamburg, wie wahrscheinlich allen deutschen Städten, gilt, dass alle Grundstücke auf der rechten Straßenseite gerade Nummer haben und die ungeraden dann auf der linken Seite zu finden sind. Eine praktische Sache, denn man kann in etwa abschätzen, wo eine bestimmte Nummer zu finden ist. Die Seite ist klar definiert, denn immer beginnt die Nummerierung an dem Ende, dass näher zum Stadtzentrum liegt. Sehr praktisch bei langen Strassenzügen, wie beispielsweise der Langenhorner Chaussee in Hamburg. Die Hausnummer 17 liegt im Stadtteil Fuhlsbüttel, die Nr. 660 schon am Ochsenzoll, kurz vor der Landesgrenze nach Schleswig-Holstein. Natürlich ist das in London alles ganz anders, davon kann man immer ausgehen. Wer auf den Straßen links fährt, denkt sich die Welt generell seitenverkehrt. Immerhin gibt es aber eine Gemeinsamkeit, nämlich die ziemlich langen Strassen vom Zentrum in die Vororte. Eine davon ist The Strand; die verbindet allerdings zwei sehr zentrale Orte, nämlich die Kirche (Temple + St Paul’s Cathedral) mit der Politik (Westminster Palace). The Strand, -offiziell ohne Artikel benannt, aber stets mit genannt-, beginnt zweifelsfrei am Trafalgar Square und zieht sich immer am Themseufer entlang bis zur St Paul’s Cathedral. Und schon liege ich falsch, denn komischerweise heißt die Straße dort ganz anders, nämlich Fleetstreet. Wo fing das an? Wann wurde aus dem Strand die Fleetstreet? Die Londoner wissen es, sie haben sogar einen Namen für den Punkt. An der Temple Bar wechselt man nahtlos von einer Straße in die andere, denn dort war früher die Stadtmauer von Londinium. Wie bitte??? “Almost 2000 years ago the city wall was there.” Und das soll ein Tourist wissen? Woher? Ich habe dort nie ein Stadttor gesehen, geschweige denn eine Mauer. Mein Freund klärt mich auf, dass der Wall fast restlos verschwunden ist, nur das massive gemauerte Tor hat die Jahrtausende überstanden. Schließlich aber wurde es eng, sogar viel zu eng, denn der stets wachsende Autoverkehr musste sich durch das Nadelöhr quetschen. Man hat es kurzerhand versetzt, nämlich auf den Paternoster Square, womit wir örtlich wieder bei der St Paul’s Cathedral wären. Gehen Sie mal um das Gebäude herum, dann sehen sie die Temple Bar auf der Rückseite. Dort wurde der Torbogen Stein für Stein wieder aufgebaut. 

 

Genau hier beim ‘City Dragon’ wechselt der Strassenname. Aus dem ‘Strand’ wird die ‘Fleet Street’. Hier stand das Stadttor ‘Temple Bar’.

 

Alles gut und schön, aber wenn der Strand nur halb so lang ist wie ich gedacht hatte, dann wundert es mich eigentlich, dass das Hotel die hohe Hausnummer 372 hat. Aber gut, vielleicht schätze ich die Länge falsch ein. Wichtiger ist es mir jetzt endlich den Fotoladen zu finden. Vielleicht liegt er auf Höhe der Charing Cross Station. Das ist ein gewaltiger Bahnhof mit toller Fassade und fast immer wandern meine Augen auf diese Seite, wenn ich dort entlang gehe. Das wäre eine Erklärung dafür, dass mir der ‘Camera Exchange Shop’ noch nie aufgefallen ist. Mein Freund schenkt mir erst ein breites Grinsen und liefert dann die Aufklärung. Das Fotogeschäft liegt genau gegenüber vom Hotel. “Nein?!? Das kann nicht sein?!” Ich krame in meinen Bildern, denn als ich im Januar für ein paar Tage dort war, hatte ich ein Zimmer mit Blick auf den Strand. Das Wetter war schlecht und ich hatte Langeweile und da habe ich ein paar Bilder aus dem Fenster geschossen. Da müße es dann ja zu sehen sein. 

 

Blick aus dem Hotelfenster. Genau gegenüber ist die Filiale von ‘London Camera Exchange’. Das schmale Schaufenster lässt die Größe des Ladens nicht ahnen. Er führt tief in das Gebäude hinein.

 

Nun ja, wann immer ich aus dem Hotel komme, gehe ich entweder links zur Waterloo Bridge oder rechts zum Covent Garden bzw. Trafalgar Square. Ganz selten wechsle ich sofort auf die andere Strassenseite, das passiert eher bei der Rückkehr mit dem Bus. Aber dann quere ich den Strand diagonal, was Dank des Fußgängerstreifens in der Mitte trotz Stoßverkehrs ziemlich sicher ist und so bin ich wohl noch nie die paar Meter vor dem Camera Shop entlanggegangen. Das werde ich jetzt natürlich nachholen und gleich mal fragen, was denn so ein paar hochfeine Weitwinkel- oder lichtstarke Festbrennweiten für die Nacht an Miete kosten werden. Und wahrscheinlich kann ich mir dort sogar ein Stativ ausleihen. Damit lässt sich London auch nachts fotografieren und es wäre eine tolle Gelegenheit die Stadt noch einmal ganz neu zu entdecken. Mir soll es recht sein, ich habe noch lange nicht die Nase voll.

Damit Ihnen das nicht passiert, liefere ich schnell noch den Hinweis auf die Londoner Hausnummerierung nach. Natürlich ist sie anders als bei uns, eben ‘Linksverkehr’. Die Häuser werden fortlaufend numeriert und zwar alle auf derselben Seite! Das heisst die Nummer 1-50 können auf der rechten Seite sein und 51-100 auf der linken. Ob da ein echtes System verfolgt wird, ist ungewiss. Ich konnte es bisher nicht entdecken. Ich glaube die ganze Nummerierung wird ziemlich aus dem Bauch heraus durchgeführt. Und es würde mich gar nicht wundern, wenn es auf dem Strand einige Hausnummern gar nicht gibt. Vielleicht wollte das Hotel gerne die No 372 haben und so hat man dann einige davor ausgelassen. Keine Ahnung. Egal, eine Hilfe kann man manchmal auf den Schildern mit den Strassennamen finden. Sie sind an den Eckhäusern, in Höhe des ersten Stockwerkes angebracht. Dort wird oft die Richtung angegeben, wo welche Hausnummern zu finden sind. Mit ein bißchen Glück, führt es einen ans Ziel.

 

Es ist wie es ist. Die Hausnummern 460 und 1 liegen sich gegenüber. Den Londoner stört es nicht, denn er bringt nur höchst ungern ein Nummernschild am Eingang an. “That’s my privacy”, schimpft er dann und nagelt das Ding bewußt falsch herum an die Wand.