Irgendwas ist anders, aber was? Ich habe es schon am Wochenende gespürt, der Groschen fiel allerdings erst heute. Erst war da das wöchentliche Video von Theresa May. Eigentlich nicht ungewöhnlich, denn genau wie Frau Merkel informiert auch die britische Premierministerin ihr Volk regelmäßig via Internet Stream. Da erfährt man dann, was so los ist und warum das alles ganz prima ist. Für Mrs May zur Zeit wahrscheinlich gar nicht so einfach, was soll sie den genervten Briten schon Gutes erzählen. Die können das Wort Brexit nicht mehr hören und fragen mit treuen Hundeblick “Who got us into this?”. Sollten Sie gerade nach England wollen, dann halten Sie sich bloß zurück. Machen Sie es britisch, mit ein bißchen Untertreibung und beginnen Sie die Unterhaltung mit: “That’s not going so well right now, is it?”

Frau May hat uns diesmal direkt aus ihrem Wohnzimmer begrüßt. Sehr privat und ganz relaxed. Das war ungewöhnlich. Normalerweise wirkt sie immer ein bißchen angespannt, krallt sich am Pult fest und kommt schnell außer Atem. Diesmal das ganze Gegenteil. Hat das damit zu tun, dass die Karre so fest gefahren ist, dass jegliches Taktieren zwecklos geworden ist? Auf jeden Fall amüsierte sich die Presse. Der Telegraph schilderte das Interview mit den Worten: “Hello, dear. Pop yourself down next to me there, that’s lovely. No, there’s no point going to the door, I’ve locked it anyway…” Ein Leser reagierte schnell, typisch englisch, also witzig: “Sofa – so bad.”

Aber es war gar nicht die britische Premierministerin, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog, nein, es war unsere Kanzlerin. Angela Merkels Bild ist in allen englischen Zeitungen zu sehen. Mal lacht sie in die Sonne, mal drückt sie der britischen Kollegin vergnügt die Hand. Egal welches Bild, immer sieht sie freundlich, nett, attraktiv aus. Das ist nun wirklich nicht immer so. Oft sucht man die Fotos aus, wo die Falten möglichst tiefe Schatten werfen , die Augen böse funkeln und der Mund zusammengekniffen ist. Achten Sie mal drauf, wie sehr mit Fotos manipuliert werden kann. Da muß man den Text gar nicht lesen, um zu wissen, ‘böse Frau’. Und nun auf einmal unsere Kanzlerin als Lichtgestalt im englischen Pressewald. Sehr merkwürdig. Aber dann begriff ich die Situation. Angela Merkel hat den Brexit zur eigenen Chefsache gemacht. Sie wirft der britischen Kollegin eine Rettungsleine zu und das wird mit größter Dankbarkeit registriert. Na dann kann ich ja ganz beruhigt nach London fahren und muß keine Angriffe befürchten. Mit Verstellen klappt es nämlich nicht, die merken sofort, dass ich aus Deutschland bin. Unsere Aussprache ist zu korrekt, wir wollen immer alle Buchstaben über die Lippen bringen, das macht kein Engländer. Obwohl ich es weiß, kriege ich es nicht besser hin. Aber ein paar Bier im Pub sind meistens sehr hilfreich. Ein Prost auf die Völkerverständigung.

 

Man zeigt Angela Merkel momentan von ihrer Schokoladenseite. Die Briten haben verstanden, dass mit dem harten Brexit das Elend nicht endet, sondern erst beginnt. Jetzt sind sie ratlos und zutiefst dankbar für die ehrliche und tatkräftige Hilfe aus Deutschland.