Noch das ganze Jahr lang feiert man den 200. Geburtstag von Queen Victoria. Sie kam am 24. Mai 1819 im Kensington Palace zur Welt. Dort wird sie in mehreren Ausstellungen geehrt. Ein anderer (ge-)wichtiger Engländer feiert am heutigen Tag seinen 160. Geburtstag. Leider etwas still, denn er ist noch immer zum Schweigen verurteilt. Ich spreche natürlich von Big Ben, von der Glocke mit dem weltbekannten Klang. Die ihm typische akkustische ‘Verstimmung’ wird durch einen winzigen Riss im Mantel verursacht. Man sieht also, dass kleine Fehler kein Nachteil sein müssen.

Queen Victoria und Big Ben kannten sich also zu Lebzeiten und mir kamen dann schnell einige Parallelen in den Sinn. Sie sind zwar oberflächlich bzw. betreffen ausschließlich das Äußere. Ich kann es nicht ändern, aber in meiner Phantasie sehe ich die Königin neben der Glocke stehen und mag das Bild. Beide rund und knubbelig, von hohen Alter, hochgeachtet, viel geliebt und für immer mit London verbunden.

 

Die Unterwäsche von Queen Victoria ist in einer der Ausstellungen zu sehen. Die Knickers sind beeindruckend, das Hemd nicht minder.

 

Körperlich war Queen Victoria ungewöhnlich klein, aber das reichte ihrer Seele und enorm großen Persönlichkeit. Es ist bekannt, dass sie nur 4 feet 11 inches hoch war, das sind mal gerade 1,52m. Das ist die Größe einer 11-12 Jährigen und war auch damals extrem kurz für eine erwachsene Frau. Ihr Gewicht wurde nie bekannt, -verständlich-, aber George ist ein guter Schätzer, denn es gehört zu seinem Berufsalltag (forensic pathologist), Größe und Gewicht per Augenmaß zu erfassen. Nachdem ich ihm den Umfang der königlichen Taille nennen kann, stolze 1,27m, schätzt er die Dame auf bis zu 135 Kilo schwer. Das ist eine ganze Menge für jemanden, der nur eineinhalb Meter groß ist.

 

 

Big Ben ist deutlich größer und schwerer. 2,20m hoch, 2,70m Durchmesser, 13,7 Tonnen schwer. Das sind die Faken, die dann zu seinem treffenden Namen führten. Leider kann man ihn nur an wenigen Tagen hören klingen hören. Die jahrelange Renovierung hat ihn verstummen lassen. Ich vermisse ihn und werde die Erste sein, die dann in 2021 vor Ort die Ohren spitzt. Oft frage ich mich, warum die Reparatur so lange dauert? Bürokratie ist es nicht, denn ich kann versichern, dass man fleissig arbeitet. Von morgens bis spät abends sind die Handwerker zu hören, samstags wird ganztägig gearbeitet und nur sonntags scheint die Baustelle zu ruhen. Aber vielleicht kann man sich gar nicht vorstellen, wie viel Handarbeit nötig ist. Sowohl das komplette Glockenwerk als auch die vier Uhren müssen Stück für Stück zerlegt, gereinigt und wieder zusammengefügt werden. Alleine das Dach besteht aus 3.433 Eisenstücken, die alle händisch repariert werden müssen. Eine Sisyphusarbeit. 

 

Die Ziffernblätter werden total überholt. Das rechte ist schon fertig, die Zeiger und die Anzeige ist jetzt wieder im ursprünglichen preussisch-blau gehalten. Auch die Vergoldung ist gereinigt und die Wappen über der Uhr sind in neuen Farben gestrichen.

 

Queen Victoria würde es gefallen, sie kennt den Original-Anblick von Big Ben und würde es gut finden, dass er jetzt wieder im alten Look erscheint. Ich war im Mai in ihrer Ausstellung, anlässlich ihres Jubeljahres, und habe viel Neues über sie gelernt. Meine Meinung änderte ich danach in vielen Punkten. Die körperlich so kleine Königin, war eine erstauliche Persönlichkeit, die mit eiserner Disziplin, ein langes, nicht immer glückliches Leben meisterte. In der Jugend war sie von großer Schönheit. Sie lebte ziemlich isoliert im Kensington Palace. Ihre Kindheit erinnerte sie selbst als unglücklich. Der Vater fehlte, er war gestorben, als das Kind 18 Monate alt war. Ein fremder Mann kümmerte sich dann um ihre Erziehung. Die war streng und ohne Liebe. Schon mit achtzehn Jahren wurde sie dann Königin von England. Eigentlich ganz und gar unvorbereitet. Drei Jahre später dann die Heirat mit dem deutschen Prinz Albert. Eine große Liebe, die durch den frühen Tod des Mannes abrupt endete. Victoria trauerte für den Rest ihres Lebens um den geliebten Albert und vielleicht auch um den kaum gekannten Vater. Vierzig Jahre blieb sie alleine, eine lange und oft düstere Zeit in Isolation. 

Neun Kinder und unzählige Enkelkinder machten Queen Victoria zur Großmutter Europas. Der deutsche Kaiser Wilhelm II, der russische Zar Alexander und der englische König Georg V. waren alle Enkelsöhne von ihr. Wilhelm sagte einmal, der erste Weltkrieg hätte nie stattgefunden, wenn sie zu dem Zeitpunkt noch gelebt hätte. Sie hätte es ihren Enkeln schlicht verboten. Das glaube ich sofort, denn Queen Victoria war klug und energisch. Sie war ein wahres Sprachtalent, nutzte neben Englisch auch die deutsche Sprache fliessend. Ihre Kenntnisse in Französisch und Italienisch waren überragend. Ausserdem beherrschte sie die Lateinische Gelehrtensprache. Noch etwas war mir neu, ich hörte erst in der Ausstellung davon. Queen Victoria hatte sechs Attentage überlebt. Darunter abgefeuerte Pistolenkugeln, die sie nur ganz knapp verfehlten. Sie trug nie eine ernste Verletzung davon. Wahrscheinlich war es ihr egal, Albert’s Tod hatte auch ihr nachhaltig die Lebensfreude genommen. Es wollte ihr leider nicht gelingen, einen Weg zurück in ein glückliches Leben zu finden. Die Engländer und ihre Königinnen. Alles bedeutende Frauen und Queen Elizabeth II zeigt uns tagtäglich das Beste aus dem ihr sicherlich bewußten Erbe. Bei der oftmals gezeigten Schnellebigkeit in der Spitzenpolitik, bin ich ganz konservativ froh, dass es Werte gibt, die dem Zeitgeist trotzen können. Deshalb (m)ein uneingeschränkte God Save the Queens.