Matt Pritchett vom Daily Telegraph bringt die englische Weihnacht auf den Punkt.

Ausgeschlafen? Die letzte Nacht war lang, die längste des Jahres. Oder englisch formuliert: ab jetzt geht es wieder bergauf. Die Tage werden länger, der Frühling steht vor der Tür … Vorher muß aber das Weihnachtsfest gemeistert werden und in ganz UK heißt das, Koffer packen und nach Hause fahren. Es gibt nichts Gemütlicheres als in einer ur-englischen Familie die Feiertage zwischen Wonne und Wahnsinn zu erleben. Aber wehe man hat keine Einladung, dann kann es trist werden. Kommen Sie also bitte, bitte nicht auf die Idee Weihnachten in London zu verbringen. Womöglich im Hotel, mit geplanten Spaziergang am Christmas Day. Nein, das macht keinen Spaß, denn der 25. Dezember ist der einzige Tag im ganzen, langen Jahr, wo London zur Ruhe kommt. Und zwar richtig, es ist mausetot. Es fährt so gut wie keine Underground, -alle notwendigen Reparaturen werden auf diesen Tag gelegt-, British Airways stellt den Flugverkehr ein und die Straßen der City sind leergefegt. Kein Mensch, kein Auto, kein geöffnetes Geschäft. Am nächsten Tag, dem Boxing Day, ist alles wieder normal. London brummt, in den Shops werden die mit Liebe ausgesuchten Geschenke umgetauscht und die Busse stehen wieder Stoßstange an Stoßstange auf dem Strand und umrunden pausenlos den Trafalgar Square.

Heute aber sind die Engländer unterwegs, sie reisen mit der Bahn, versuchen es im Auto oder auch mit dem Flugzeug. Man fährt Heim, trifft die Familie, bringt Geschenke mit und lässt sich beschenken. Dazu ‘turkey and all the trimmings’. So wird es auch bei den Royals sein, die traditionsgemäß sich über Weihnachten im familieneigenen Schloß Sandringham versammeln. Grundsätzlich reist die Queen an einem Donnerstag an. Da ist sie eigen, die Arbeitswoche in London wird ordentlich zu Ende gebracht. Und so kam es, dass sie gestern mittag samt Ehemann durch den Bahnhof King’s Cross marschierte, um den Regionalzug nach Norfolk zu besteigen. 

Letztes Jahr war die Königin an einer schweren Grippe erkrankt. Man machte sich Sorgen, weil sie erstmals auf die Zugfahrt verzichtete und sich per Hubschrauber fliegen ließ. Als sie dann auch noch den Gottesdienst am 25. Dezember versäumte, war klar, dass das Jubiläumsjahr doch etwas zu anstrengend für die 91-jährige war. Zum Glück hat sie sich längst davon erholt und so konnte gestern der gewohnte Ablauf stattfinden. “The same procedure as every year, Philip.” Obwohl selbst ich mir inzwischen leicht ausrechnen kann, wann und wo sie anzutreffen ist, hat sie kaum Sicherheitsleute dabei. Die beiden reisen nach Hause, wie Millionen andere Briten. Und typisch auch, dass Philip sich weigert einen Mantel anzuziehen. Gerade weil man die Kälte nicht mag, ignoriert man sie einfach. Winterkleidung wäre da zu viel an Aufmerksamkeit. 

 

Gestern mit dem Zug von King’s Cross in London nach Norfolk. Immerhin gönnte man sich ein first class ticket.

 

Wenn ich mir überlege, dass ich genau vor einer Woche am Bahnhof King’s Queen einige Stunden verbrachte, um den gigantischen Bau in allen Winkeln mit der Kamera zu erkunden, könnte ich ja schon ein bißchen nervös werden. Das wäre ein Ding gewesen, wenn da plötzlich die Queen am Ticketautomaten gestanden hätte. Aber ich will nicht jammern, immerhin ist mir der Schauspieler Stephen Fry auf dem Piccadilly vor die Füße gelaufen. Und er hatte sogar Zeit für ein kleines Schwätzchen. Das hätte sich mit der Königin nicht machen lassen, ich hätte ihr vermutlich bestenfalls sprachlos hinterher geschaut. 

 

Die Eingangshalle zum Bahhof King’s Cross. Das Bild habe ich vor genau einer Woche aufgenommen. Genau hier dürfte auch die Queen durchgegangen sein.

 

Ein paar Wochen wird sie in Sandringham bleiben und ich hoffe mal, man hat gut eingeheizt. Diese imposanten Schlösser sind haustechnisch oft auf demselben Stand, der schon zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung bekannt war. Ein schönes Weihnachtsfest wird es gewiß werden, denn so weit ich weiß sind Kinder und Enkel vor Ort versammelt, inklusive den Turteltauben Harry und Meghan. George und Charlotte wird man den Weihnachtsmann noch glaubhaft verkaufen können und ihre Aufregung wird schon die nötige Spannung in das Fest bringen. Und dann sind da ja auch noch die Hunde, Santa’s little helpers, die auf jeden Fall einen Platz auf dem Sofa beanspruchen können. Also mit anderen Worten, es wird auch bei Königs ein ganz normales englisches Weihnachtsfest geben und das ist auch gut so. Erst die Christmas Dinner Party und dann Rockin’ Around the Christmas Tree.

 

Von außen schlicht, innen eine spektakuläre Decke und wie so oft in Londons Bahnhöfen riesige Hallen, wo die Züge auf die Reisenden warten. King’s Cross liegt unmittelbar neben dem Bahnhof St Pancras; beide zusammen sind einer der größten in der City.