Ob Sie es glauben oder nicht, meinen allerersten Pass habe ich mit 60+ beantragt. Die konnten gar nicht glauben, dass ich keinen alten mitgebracht hatte und gewährten mir das wichtige Papier nur höchst skeptisch. Teuer war es auch, erst zwanzig Euro beim Fotografen und dann noch einmal gut fünfzig bei der ortsamtlichen Ausweisstelle, wenn ich es recht erinnere. Jetzt habe ich das Ding und nehme ihn regelmäßig mit nach England. Eigentlich bräuchte ich ihn nicht, denn noch kann ich mit meinem Personalausweis einreisen, der ist viel kleiner, aber die vielen Funktionen des Passes finde ich inzwischen ganz praktisch. Wenn man erst einmal alle Tricks herausgefunden hat, kann man sich am Flughafen völlig selbstständig einschecken. Das funktioniert an der UK Border genauso gut wie an der deutschen Grenze. Eine Hürde ist allerdings meine Brille, ich muß sie abnehmen, wenn mich die ferngelenkte Kamera biometrisch vermisst. Eine andere Hürde wurde von British Airways in ihre Check-In-Automaten eingebaut. Eigentlich kann ich mir dort problemlos meine Bord Karte ausdrucken lassen, und muß mich dazu mit meinem Pass authorisieren. Ich brauchte allerdings drei Reisen um herauszufinden, dass die Scanner an diesen Automaten oben eingebaut sind. Wer also den Pass gewohnheitsmäßig flach auf das untere Glas legt, wird hartnäckig abgewiesen. Wer um alles in der Welt ist auf die Idee gekommen, dass man das Dokument an die obere Scheibe pressen muß??? Ach so, wir sind in England. Also kein Wunder, schließlich ist dort alles seitenverkehrt, was sich irgendwie umgedreht montieren lässt.

 

Heathrow Airport, UK Border. Jedes Mal verlaufe ich mich und lande bei den ‘Anschlussflügen Inland’. Erst wenn man mein Bordticket für die Maschine nach Nord-Irland sehen will, fällt der Groschen.

 

In England ist der ‘Passport’ noch wichtiger als bei uns, denn dort kennt man keine Personalausweise. Das ist hinderlich im alltäglichen Leben, aber würde man solche ID-Cards einführen, dann wäre es für den Engländer ein schwerer Eingriff in seine ‘privacy’. Jede Bemühung einen Ausweis zu etablieren wurde bisher erfolgreich abgeschmettert. Und so ‘beschnüffeln’ sich die Engländer noch immer gegenseitig am ‘bottom’ um Herauszufinden wer der andere ist. Immerhin wurde der englische Pass schon von King Henry V. im fünfzehnten Jahrhundert eingeführt. Noch heute bekommt man das Dokument ‘in the name of Her Majesty the Queen’. Lange Zeit waren die britischen Pässe dunkelblau, schließlich übernahm man zähneknirschend die in Europa weit verbreitete Version in burgunderrot. Die ist bis heute unbeliebt und die erste konkrete Tat nach Ankündigung des Brexit war die Widereinführung des alten blauen Passports. Die Farbe teilt man sich mit den meisten karibischen Ländern, sie gilt als Symbol der Neuen Welt und die rote Farbe steht für den Kommunistischen Block. – Der schönste Pass, den ich je gesehen habe, ist der finische. Auf jede Seite ist ein Elch gedruckt, der sich bewegt, wenn man die Seiten schnell durchblättert. Ein tolles Flipbook.

 

In Sachen Passport Farbe war man sich einig. Hätte sich die Briten doch bloß auch beim Brexit so eindeutig entschieden.

 

Lange Zeit konnten die Engländer mit ihrem Pass die meisten Visa freien Länder weltweit bereisen. Diesen Rang hat Deutschland inzwischen inne, ja es gibt weltweit kein Land, dessen Bürger mehr Grenzen mit ihrem Pass überschreiten können. Aktuell sind es 176 von 218 Ländern. Menschen aus Syrien, Pakistan, Afghanistan und Irak können in weniger als 30 Ländern mit ihrem Pass frei einreisen. Die britischen Pässe müssen erst seit 1914 ein Foto des Inhabers zeigen. Grund war der deutsche Spion Carl Hans Lody, der während des ersten Weltkrieges mit einem gefälschten US-Pass einreiste. Ab 1920 wurde dann der blaue Pass eingeführt; er gibt Auskunft über Namen, Beruf, Geburtsort und -datum, Adresse, Körpergröße, Augen- und Haarfarbe und zeigt die Unterschrift. Wenn sich etwas änderte, beispielsweise die Adresse, wurde die Eintragung durchgestrichen und handschriftlich ergänzt. Mit den Jahren sahen manche Pässe ziemlich wild aus. Ausserdem durften Familienfotos benutzt werden, also Vater + Mutter + Kinder, was gerne gemacht wurde, denn dann konnten alle dasselbe Bild nutzen. Vom Autor Sir Arthur Conon Doyle weiß man, dass sein Passbild ihn selbst, seine Frau und seine beiden Söhne zeigte. Alles saßen zusammen auf einem Hundeschlitten. Dazu lachten sie über beide Backen, auch das war damals erlaubt. Heute muß man emotionsfrei blicken, weder lächeln, aber auch nicht greinen. Gar nicht so einfach. Gehen Sie also bloß nicht zu einem sympathischen oder witzigen Fotografen, dann klappt es nie.

 

Früher sammelte man die Stempel im Pass. Meines Wissens ist der Vatikan das einzige Land, das keinen Stempel anbietet. Weder freiwillig noch gegen Geld.

 

Eins muß noch erwähnt werden. Die Queen hat keinen Passport. Wie sollte sie auch, schließlich wird das Ding in ihrem Namen verliehen. Sie kann sich schlecht selbst so ein Dokument ausstellen. Aber bezeichnenderweise haben alle anderen in ihrer Familie sehr wohl einen Reisepass. Das gilt auch für Ehemann Philip. Für die Königin ist das fehlende Dokument kein Problem, denn jeder erkennt sie und alleine reist sie sowieso nicht. Immerhin, wenn ich es mir recht überlege, teilte ich sechs Jahrzehnte lang meinen passlosen Status mit ihr. Dafür kann ich mir nix kaufen, aber man kann es ja mal erwähnen.