London Science Museum, Apollo 11 Lunar Module

Die Mondlandung jährte sich im Juli zum fünfzigsten Mal. Ist es wirklich schon ein halbes Jahrhundert her, als Neil Armstrong dort seinen Fußabdruck hinterliess? Ich kann mich LEIDER genau erinnern; mit anderen Worten, ich bin viel älter als gefühlt. Eigentlich sollte die Landung an einem Sonntagabend, zu bester TV Sendezeit, stattfinden. Dann aber verzögerte sich die Sache um etliche Stunden. Mitten in der Nacht, kurz vor vier Uhr (MEZ), sah man dann schemenhafte Bewegungen auf dem schwarz-weiss Fernseher. Mit viel Phantasie konnte man sich einen Menschen vorstellen, der aus seiner Landekapsel kletterte. Ich war damals ein Teenager und fand am spannensten, dass die Live Übertragung trotz der späten Zeit fortgesetzt wurde. Es war das erste Mal, denn üblicherweise endetes das Fernsehprogramm kurz nach zehn, mit Abspielen der Deutschen Nationalhymne. Damit ging man dann innerlich gestärkt ins Bett.

Übrigens kam mir schon damals Zweifel. Das Gezeigte schien mir unglaubhaft, weil das technische Drum- und Dran kläglich simpel war. Man konnte noch nicht einmal grafische Animationen des Fluges zeigen,  bereits überforderte die Möglichkeiten des TV Senders. Stattdessen krochen Laiendarsteller im Studio aus Pappkartons, um darzustellen, was sich angeblich gerade auf dem Mond abspielte. Der Moderator malte mit Kreide zwei Kreise auf eine Tafel. Es sollten Mond und Erde sein. Dann malte er krakelige Verbindungslinien, die die Flugbahn zeigen sollten. Schade, dass das nie wiederholt wurde, man würde sich totlachen. Genau deshalb ist es wohl unter Verschluß. Und je länger die NASA Großtat zurückliegt, desto größer werden meine Zweifel. Im Londoner Science Museum kann man einen Nachbau der Landefähre sehen. Das Ding ist weitestgehenst aus Alu-Folie! Es sieht zum Piepen aus und die Vorstellung, dass damit jemand unterwegs war, ist lächerlich. 

Eigentlich will ich aber etwas ganz anderes erzählen, was diese lange Vorrede benötig. Denn als ich heute morgen die Schlagzeile las, dachte ich eine zweite Mondlandung hätte stattgefunden. Und diesmal nicht in Houston gestartet, sondern eher von Heathrow oder so, mit einem Engländer im Cockpit. Da stand nämlich: “Life will never be the same and the team will inspire a new generation of heroes.” Was für ein Titel für die Lead Story (!), da muß Großes über Nacht passiert sein. Nur ich hatte leider nix davon mitbekommen. Zum Glück gibt es George und der klärte mich dann auf. Gestern war großer Sporttag in London. In Wimbledon wurde das Finale der Herren ausgetragen, in Silverstone fuhr man zig Mal im Kreis, bis ein Brite zum Sieger erklärt wurde, und in Westminster, im ehrenwerten Lord’s Cricket Ground, standen die Engländer im Finale gegen Neu Seeland. Die waren haushoch überlegen und wurden dann, in letzter Minute, haarscharf besiegt. Danach herrschte inselweit Ausnahmezustand. Keiner weiß wie der Abend zu Ende ging, es fehlt kollektiv die Erinnerung. 

 

Das Finale wurde live auf dem Trafalgar Square, auf Großleinwand, gezeigt. Nach dem Sieg gingen die Fans baden; erst in den beiden Brunnen, dann in den umliegenden Pubs. – Übrigens sollten Sie nicht vom ‘public viewing’ sprechen, denn darunter versteht man eine öffentliche Leichenaufbahrung.

 

Die Cricket Regeln sind weder erklärbar noch lernbar. Ich denke man muß Engländer sein, ansonsten ist man chancenlos. Nicht umsonst sind detaillierte Kentnisse in dieser Sportart zwingende Vorraussetzung, um die Britische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Glauben Sie nicht? Ich kann es beweisen, denn es (the citizenship) hat mich lange beschäftigt. Hier also die Frage aus dem offiziellen Handbuch, Stand 2018: “Who captained the English cricket team and holds a number of English Test cricket records, both for batting and bowling?” Antwort: “Sir Ian Botham.” Das ist Basiswissen, genau wie die Sportler Sir Roger Bannister (he run a mile under four minutes) und Bobby Moore, Kapitän der englischen Fußballmannschaft 1966 (die mit dem geklauten Tor im Endspiel gegen Deutschland). Das sollten Sie allerdings beim Test nicht erwähnen und auch niemals in einem Pub, in der Tube oder sonstwo in London.

Ich versuche mal den O-Ton hinzubekommen, der heute in allen Pubs zu hören ist, wenn sich die Fachleute, also George and his Buddies, über das Geschehen unterhalten werden. Es klingt ungefähr so: ‘First ball is a wide outside the off stump! Morgan swaps with Joe Root and goes to field at mid off. Then he’s battered that for SIX! Oooh I say. Neesham smears it. Roy fields in the deep. He misfields. They run two. 11 runs scored so far. Guptill is running his heart out. He has beaten the throw. Shorter ball. Jof digs it in. Neesham hooks at it. He doesn’t get hold of it. They scamper one …’ Und so weiter und so fort. Dabei werden die Ballwürfe mit weit schwingenden Armen nachgemacht, in der Hand das randvolle Bierglas.

 

Die Helden feiern ihren Sieg. Rechts der Spielverlauf. Er zeigt angeblich, wann die Punkte gemacht wurden. Ich verstehe ihn aber nicht, kann einfach keine Logik in den Zahlen finden. Fünfjährige UK-Toddler kapieren es, können es mir aber auch nicht erklären, weil ihnen noch ein paar Worte fehlen. Die lernen sie erst später. – (Übrigens ‘Drinks’ sind vereinbarte Spielpausen, genau wie die Lunch- und Tea Pausen. Ausserdem spielt man nur bei schönen Wetter. Wenn es zu regnen anfängt wird unterbrochen, bei ‘drizzle’ darf noch gespielt werden. Wo ist die Grenze? Und wer misst sie? )

 

Nun müssen neue Namen gelernt werden, aber zur Zeit will wohl niemand Brite werden, der Strom geht eher in die andere Richtung. George kann die Nationalhelden natürlich im Schlaf aufzählen und ich schreibe so schnell wie möglich mit: “Jos Buttler played brilliantly and Stokes too. What a coolness under extreme pressure.” Er scheint futsch und weg zu sein, also ‘over the moon’.

Und er ist überzeugt davon, dass wir in 20 Jahren das Spiel noch wie heute erinnern werden. Heiser raunen wir uns dann zu: “Do you remember how Morgan changed the way?” Na, ich bin mir da nicht so sicher, weil ich schon jetzt den Nachnamen von diesem Morgan vergessen habe. Aber egal, es war ein toller Sportsonntag mit großen Emotionen. Und das beste war, dass das Cricketspiel für alle im TV live gezeigt wurde. Da war der Sender Sky großzügig oder leichtsinnig, denn man hatte die Free-TV-Übertragung versprochen, wenn England im Endspiel stehen sollte. Vermutlich hatte wieder kein Mensch damit gerechnet. Mir war das eigentlich egal, denn ich guckte im Nebenzimmer Wimbledon und das wird von der öffentlich-rechtlichen BBC übertragen. Dabei mich das Match nicht so sehr, aber die Zuschauer. Besonder die in der royalen Box. Dort saßen Kate und ihre Schwägerin Meghan. Die schickte wieder ihre Bodyguards los, um jedes Fotografieren ihrer exklusiven Person sofort zu unterbinden. Das war ziemlich komisch, denn die ganze Zeit war sie in Großaufnahme auf dem Bildschirm zu sehen. Wahrscheinlich Teil ihrer Medienstrategie, die immer ein bißchen an Thaterdonner erinnert.

 

Zwei Arten des Crickets: Die Sportart, bei der die Schiedsrichter ihre Hände nur selten aus den Taschen ziehen und putzige Hüte tragen, heisst so. Aber auch das Heimchen, eine Grillenart, wird Cricket genannt. Die Tiere gelten in England als Glücksbringer. Charles Dickens widmete ihnen sein Roman ‘Das Heimchen am Herde’ (The Cricket on the Hearth).