Wissen sie was ‘ONNA’ heißt? Ich brauchte Wochen, um es herauszufinden. Die Buchstaben stehen für ‘Oh no, not again’ und wurden möglicherweise gestern von der Königin in ihr kleines Notizbuch geschrieben. So wie es aussieht, wird sie wohl zum dritten Mal in Folge ihren Sommerurlaub unterbrechen müssen. Seit Dianas spektakulären Tod wissen wir, wie ungern sie das tut. Üblicherweise packen die Royals gleich nach der Geburtstagsfeier im Juni ihre Koffer und fahren nach Schottland. Dort können sie preiswert wohnen, denn das Schloss Balmoral gehört der Familie seit Queen Victoria es “für’n Ei und Butterbrot” kaufen konnte. Damals war das dort oben noch tiefste Provinz und wahrscheinlich ist es das auch heute noch, aber gerade das macht den Reiz aus. Die Männer wollen jagen, die Frauen ihre Ruhe und die Kinder sollen gesunde Landluft inhalieren. Sie wollen dasselbe wie jeder, da gibt es keinen Klassenunterschied, der macht sich eher im Drumherum bemerkbar. Eines ist aber schon wichtig, und das ist die ungestörte Auszeit. Die Queen ist zwar in Schottland nicht aus der Welt gefallen sondern durchaus erreichbar, aber alles was sie dort macht, ist nur halb so offiziell wie in London. Sie geniesst es, hat sich die lange Pause verdient, aber schon wieder scheint schief zu gehen.

 

Eines der wenigen Fotos, die in Balmoral gemacht wurden. David Cameron ist zu Besuch. Alles sieht ziemlich normal aus. Eine Heizung aus dem Baumarkt ersetzt den Kamin. Vielleicht ist das Überraschenste, die Tatsache, dass die Königin so normal wie jeder lebt. Hinter ihr eine Lampe mit Schottenrock? Und jede Menge Nippes auf dem Kamin. Mitbringsel der Familie.

 

Während ich dieses schreibe, wird in Ascot, nahe Windsor, noch gewettet und gesiegt. Die Pferde, darunter auch einige aus dem königlichen Stall, rennen fünf Tage um Geld und Ehre. Insgesamt sind dreißig Rennen zu absolvieren, natürlich nicht immer mit denselben Pferden, das wäre wohl Tierquälerei. Die Queen und ihre halbe Familie sind Stammgäste. Gleich mit vier Kutschen rollten sie ein. Wie immer spielte das Wetter nicht ganz mit, heftige Regengüsse und Gewitter müssen die Besucher einplanen. Das hält sie aber nicht davon ab, die eleganteste Kleidung zu tragen. All the frocks and feathers are on their way. Die Pferde haben lustige Namen, ein ‘Maxi Boy’ läuft mit, der vielleicht Reklame für Kondome macht und im selben Rennen ist auch ‘Flippa the Strippa’ zu sehen. Sogar ‘Sergei Prokofjew’ hat gemeldet, aber auch hier handelt es sich um einen Vierbeiner und nicht um den Pianisten selbst. Eine Woche ganz nach dem Geschmack der Königin. Nach diesem sportlichen Höhepunkt, starten die Windsors normalerweise gut gelaunt in den Sommerurlaub.

 

Die 93 Lebensjahre sieht man ihr nicht an. Quietschvergnügt geniesst sie die Rennwoche in Ascot. Wenn alles gut geht, könnten ein paar zehntausend Pfund in ihrer Tasche landen. Nicht durch Wettglück, sondern durch das Können der eignen Rennpferde. Sie hat immer einige an Start.

 

Ja ‘normalerweise’, aber das trifft auf die letzten Jahre nicht mehr zu. Seit Theresa May im Amt ist, scheint alles unnormal geworden zu sein. Die ungeliebte Noch-Chefin, die letztlich dann wohl doch völlig überfordert war, hat so manchen Rekord gebrochen. Leider fast immer im negativen Sinn. Einer davon ist ihr Versäumnis, jemals eine Regierungseröffnung geliefert zu haben. Irgendwie kam immer etwas dazwischen und ich nehme es ihr persönlich übel, denn sie hat mir die Zeremonie des ‘State Opening of Parliament’ vermasselt. Immerhin ist die Queen inzwischen im 94. Lebensjahr angekommen, und da weiß man nicht, ob sie nicht doch an den Sohn weitergeben wird und dann würde ich die prachtvolle Eröffnung nie mit ihr sehen und fotografieren können. Das macht mich schon nervös. Aber davon wollte ich gar nicht berichten.

Also wie war das im Sommer 2017? Da ordnete Mrs May ganz überraschend Neuwahlen an, die sie grandios verlor. Der Anfang aller Probleme war gesetzt. Immerhin konnte sie Premier bleiben, mußte aber von der Queen formal im Amt bestätigt werden. Das kann man nicht per Email machen und also wartete die Königin geduldig ab. Mitte Juni konnte sie dann endlich in die Sommerfrische starten. Ein Jahr später, im Juli 2018, war Donald Trump zu Besuch. Theresa May hatte ihn eingeladen und obwohl es kein Staatsbesuch war, mußte die Queen den Gast auf Schloß Windsor empfangen. Wieder wurden die Ferien im Schottischen Hochland um etliche Wochen gekürzt. Und nun die blöde Neuwahl eines Parteivorsitzenden. Ich sage ‘blöde’ weil die Wähler jetzt nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera haben. Boris Johnson steht für einen harten Brexit und Jeremy Hunt ist ein Remainer. Manche nenen ihn auch ‘Theresa May im Anzug’.

Ein zweiter EU-Volksentscheid unter den gut 66 Millionen Briten wurde als undemokratisch abgelehnt, stattdessen entscheiden jetzt mickrige 160 Tausend Parteimitglieder über genau diese Frage. Ich habe es dreimal nachgerechnet, aber das sind sage und schreibe nur 0,24% der Bevölkerung. So kann man es auch machen, finde ich aber bl… (ich wiederhole mich). 

 

Brenda from Bristol erlangte Kultstatus als sie sich spontan zur Neuwahl äußerte: “You’re joking. Oh no, not another one!”

 

Nun also auf ein Neues. Zur Wahl, als neuer Parteivorsitzender der konservativen Tories und damit automatisch auch als Premierminister, stehen Boris Johnson und sein Parteikollege und Amtsnachfolger Aussenminister Jeremy Hunt. Eigentlich hatte Michael Gove mehr Stimmen, aber die oberschlauen Johnson Anhänger haben einfach ein paar Stimmen dem vermeindlich schwächeren Kandidaten Hunt gegeben und prompt gewann der mit zwei Stimmen Mehrheit vor Gove. Boris selbst lag deutlich an erster Stelle. Natürlich ist das alles nur Gerede, denn die Wahlen sind geheim, aber wer jemals die TV Serie ‘Yes, Prime Minister’ (super witzig, sehr englisch) gesehen hat, weiß, dass es genaus so abgelaufen sein muß.

 

BBC Live-Debatte der Kandidaten. Komisches Bild: 5 Männer sitzen auf Barhockern, irgendwie erinnert es mich an den Pub, einzig der Tresen fehlt. Nach 10 Minuten bindet Rory (ganz rechts) seine Krawatte ab und steckt sie in die Tasche. Die Nation hält den Atem an. Ohne Binder im TV ist in England so schlimm, als würde jemand in Unterhose auftreten. Beim ersten Wahlgang, am nächsten Tag, verliert er prompt.

 

In den nächsten Wochen tingeln die beiden Tory Kandidaten durchs Land, versuchen die Partei Mitglieder von sich zu überzeugen und werden schließlich Mitte Juli, per Briefwahl, gewählt. Wer am meisten Stimmen bekommt, ist dann nicht nur Parteichef, sondern auch automatisch Nachfolger von Premier Theresa May. In der Woche nach dem 22. Juli soll das Ergebnis feststehen. Am Tag darauf wird Theresa May eine letzte Rede vor ihrem Büro in der Downing Street halten, -hoffentlich vergisst sie nicht ein paar warme Worte an Kater Larry zu richten, denn das würde man ihr nie verzeihen-, und dann wird sie den kurzen Weg zum Buckingham Palace, letztmalig im schwarzen Dienstwagen, fahren. Dort wird sie von der Queen die formale Entlassung erhalten. Kurze Zeit später wird es erneut klingeln und er der Neue wird um seine Ernennung bitten. Und dann ist es geschafft, dann hat Großbritannien einen neuen Regierungschef. Wirklich? Nun ja, der könnte schneller aus dem Amt fliegen als jeder andere vor ihm. Den Rekord hält ein  namentlich längst vergessener Mann, der schon nach vier Wochen Downing Street wieder verlassen mußte. Der Grund war zwingen, er war überraschenderweise gestorben. The next Prime Minister, und ich kann eigentlich sagen Boris Johnson, denn wer soll es sonst werden, wird sich möglicherweise einer Neuwahl stellen müssen. Er will das unbedingt bis nach der Brexitentscheidung verschieben, aber es liegt nicht in seiner Hand. Wenn der Oppositonsführer es wagt, dann kann er Neuwahlen erzwingen. Und dann geht das ganze Theater von vorne los. Wochenlanger Wahlkampf, schließlich Abstimmung an einem Donnerstag, wohl kaum vor Oktober. Wer immer die Sache gewinnen sollte, wird sich dann mit dem Brexit beschäftigen und völlig überrascht und fassungslos feststellen, dass die Zeit mal wieder viel zu knapp geworden ist. Was soll man dazu sagen? Mir fällt nix mehr ein, ausser ONNA.