Der Muttertag ist in England ein wichtiger Termin. Tief rot im Kalender angestrichen, denn ersten bietet er Gelegenheit dem schlechten Gewissen in Sachen Unaufmerksamkeit Erleichterung zu verschaffen und zweitens ist der Tag ein guter Grund Karten mit witzigen Sprüchen zu verschicken. Und das liebt der Engländer, dafür hat er immer Zeit und Lust. Väter helfen dann ihren Söhnen, gehaltvolle Dankesschreiben zu verfassen. Die Töchter müssen es alleine machen, den traut man so etwas zu. Da kommen dann Formulierungen dieser Art zustande: ‘Thank you mother that you taught me to become an adult: ‘If you don’t eat your vegetables you will never grow up’ and to taught me about sex: ‘How do you think you got here?’ Beliebt sind auch Reime: ‘You taught me how to wash my face, and how to use the potty. You made me eat up all my greens, and wiped my nose when snotty.’ Falls keine Kinder da sind, greifen ersatzweise Hund oder Katze zum Stift und schreiben an Mum: ‘I thank you for the food you bring and for my little squeaky thing. I thank you for your friendly talks, and when you change my litter box. I thank you for these things you do, but thank you most for being you. So as I’m sat upon the mat, Happy Mothers Day from me the cat!’ Auch nett, oder. Selbst ich darf mit einer Karte rechnen, obwohl weder Kids noch Pets im Haus sind. Es sei denn der Nachbarhund zählt mit, er verbringt mehr Zeit bei uns als bei seinen Leuten:

 

 

Oder war das zum Valentine? Kriege ich das jetzt durcheinander? Egal, zum Muttertag darf ich Erwartungen haben, sie werden nicht enttäuscht werden. Warum mache ich das aber bereits heute, Mitte Januar, zum Thema dieses Blogs? Ganz einfach, es droht der Weltuntergang. Ich gebe mal einen ersten Hinweis: Der Muttertag wird in diesem Jahr am Sonntag, den 31. März, in England gefeiert. Na, klingelts? War da nicht was? Ja, wenn es blöd läuft ist die Insel dann gerade seit 36 Stunden aus dem Europäischen Handelsverkehr rausgeflogen. Und weil achtzig Prozent der Blumen, vor allem Tulpen, aus den Niederlanden importiert werden, wird der englische Ehemann zusammen mit seinen Kinder ziemlich blöd guckend am Sonntagmorgen in der High Street stehen. Der Flower Shop hat vielleicht noch ein paar Kakteen in der Auslage stehen, der Supermarkt ist noch geschlossen und der Pub kann in diesem Fall auch nicht aushelfen. 

 

Weitere Schätze aus der Tiefe meines Karten-Sammlung-Kartons. Zu jeder Gelegenheit schickt man sich in England Karten, liebevoll ausgesucht und vom Herzen geschickt. Letter from my heart…

 

Man könnte nun über diesen ironisch gemeinten Beitrag schmunzeln, es gibt aber doch noch einen ernstgemeinten Hintergrund. Dieses Thema ist nämlich großer Aufmacher in der englischen Presse. Man sucht vergebens, falls man sich faktisch über den Stand der Brexitverhandlungen informieren möchte. Statt mit sachlicher Information wird man mit emotionalen Infos überschüttet und dazu gehören Meldungen wie diese: ‘No-deal Brexit could put Mother’s Day flowers at risk’. Dann folgt ein seitenfüllender Beitrag über die Unsicherheit der Blumenversorgung an dem kritischen März Wochenende. Erst nahm ich es kopfschüttelnd zur Kenntnis, war auch ein bißchen verärgert. Ist das wirklich das Hauptproblem der Engländer, fragte ich mich? Mir scheint dem Briten fehlt es aktuell an nötiger Reife, die eine Staatskrise, wie der Brexit, sowohl von Politikern als auch Bürgern verlangt. Aber dann dämmerte es mir langsam, dass man den Engländer nur auf diese Weise erreichen kann. Sein Bauch ist nicht nur Gefühlszentrale sondern auch sein biologisches Rechenzentrum. Ich vermute zwar, dass auch im britischen Schädel ein Gehirn ruht, aber wofür es dient ist unklar. Sicher nicht um logische Entscheidungen zu treffen. Will man also dem Engländer eine sachliche Information zukommen lassen, muß man sie hübsch verpacken. Sie sollte bunt und verlockend aussehen, damit sein inneres Kind neugierig wird und das bunte Ding auspacken will. Wenn man Glück hat, wird es die Botschaft ganz nebenbei schlucken.