Punkt drei Uhr sitzen wir vor dem Fernseher. Vor zwei Stunden liefen wir noch im Pyjama durch die Wohnung, jetzt aber sind alle gewaschen, gekämmt und angezogen. Sogar der Drei-Tage-Bart wurde auf Anfang rasiert. Gleich wird die Königin ihre Weihnachtsbotschaft verkünden und irgendwie hat man immer das Gefühl, dass sie einem ins Wohnzimmer gucken kann. Da will man keinen schlechten Eindruck machen und deshalb wurde sogar der Geschenkpapierberg ein Stück weiter in die Ecke geschoben. Dort, hinter dem Sofa, wird Majestät die Bescherung nicht vermuten. Und dann geht es los, Big Ben bommelt drüben in Westminster, -bis New Years Eve wurde er aus seinem Dornröschenschlaf erweckt-, und ein Stück weiter, im 1844 Room at Buckingham Palace, begrüßt uns die Queen, an ihrem Schreibtisch sitzend, mit einem strahlenden Lächeln. 

 

Weihnachtsansprache 2018 – Elizabeth II in Buckingham Palace

 

Klar, jedes englische Kind weiß, dass die Königin schon letzte Woche nach Sandringham abgereist ist, und das die Botschaft eine Aufzeichnung ist, aber ihre Präsenz überlistet sogar die HD Technik und lässt uns glauben, wir würden ihr vis-à-vis sitzen. Ich habe noch nicht so viele Weihnachtsansprachen von Elizabeth II gehört, aber ich glaube sie sind durchaus mit den guten Wünschen unserer Kanzlerin bzw. des Staatspräsidenten vergleichbar. Immer wird dieselbe Choreographie gewählt, so dass sogar einmal eine alte Neujahrsansprache unbemerkt und in voller Länge die deutschen Wohnzimmer erreichte (Helmut Kohl 1986). In diesem Jahr hatte die englische Königin aber tatsächlich ganz neuen Inhalt in ihre Rede aufgenommen. Sie hatte viele Komplimente an ihren Mann eingeflochten, dankte ihm für seine unermüdliche Unterstützung und wirkte überhaupt lockerer als üblich. Die Bedeutung der Familie war ihr wichtig und ganz besonders ihr Ehemann Philip. Erst jetzt im hohen Alter, scheint die eigene Familie, den beiden viele glückliche Stunden zu bieten. Das war ja nicht immer so. Die Auswahl der Fotografien auf ihrem Schreibtisch unterstreicht wer daran großen Anteil hat. Zwei Bilder zeigen die Queen mit dem Duke of Edinburgh und dann sehen wir ihre Urenkel George and Charlotte. Dazu sagte sie unter anderem: “We think of our homes as places of warmth, familiarity and love. There is a timeless simplicity to the pull of home.” Ihrem Ehemann dankte sie mehrfach für “his support and unique sense of humour.” Und tatsächlich war das immer eine große Hilfe, besonders bei formalen Begegnungen, denn Philip ist stets in der Lage die Besucher innerhalb von 30 Sekunden zum Lachen zu bringen. Kurzum, er bricht das Eis und ebnete damit oft problemlos den Weg. Wahrscheinlich mit mehr Kalkül, als gemeinhin vermutet.

 

Der Duke of Edingburg reisst seine Witze öfters im diplomatischen Auftrag, als man vielleicht meint. Hier aber flirtet er einfach auf Deubel komm raus mit den Girls.

 

Die Frau von Prinz Edward verriet uns über ihre Schwiegereltern: “They make each other laugh – which is, you know, it’s half the battle, isn’t it?”. Damit hat sie sicherlich Recht, denn eine Beziehung in der man sich noch nach Jahrzehnten zum Lachen bringen kann, kann keine schlechte sein. – Ich war überrascht wie gesund und munter die Königin aussah. Sie wirkte auf mich sehr entspannt, wie jemand der eine Last endlich abstreifen kann. Ihr Kleid war wunderschön, richtig weihnachtlich, obwohl es nicht extra angefertigt wurde. Ich erinnere mich, dass sie es auch schon anlässlich ihres Diamond Jubilee 2012 trug. Auch das ist ein sympathischer Zug an ihr, sie hält an ihren oft praktischen und bodenständigen Überzeugungen fest. 

Dann können wir uns also so langsam auf ein neues Jahr einrichten, dass bei mir mit einem Besuch in London beginnen wird! Ich habe es mir sozusagen last minute selbst geschenkt. Mich hat der Winterblues gepackt, denn draußen ist es kalt und dunkel, Kekse und Schokolade sind alle, der Vorsatz weniger Alkohol zu trinken wurde gerade in die Tat umgesetzt und die ARD will auch 2018 mindestens drei Tatorte pro Abend senden. Wie langweilig und Grund genug trübsinnig zu werden. Und da dachte ich mir ein Kurztripp nach London könnte mich retten. Ja, da ist es auch kalt, windig, regnerisch und auch dort wurde die leere Ginflasche nicht nachgekauft. Aber die Engländer sind in ihrem Inneren noch immer dieselben und das könnte den entscheidenden Unterschied ausmachen. So jedenfalls, meine Planung.

 

Londoner Tradition: Am Weihnachtstag trifft man sich im Hyde Park Lido und plantscht bis die Männerbrust gut durchblutet ist. Hauptsache sie hatten Spaß – and a good laugh.

 

Im Winter sind die Engländer zwar auch dicker als üblich verpackt, aber wenn man sie aus den Jacken und Woolies ausgepuhlt hat, dann wird man sehr wahrscheinlich auf einen lebenslustigen Menschen stoßen, der seine (Lebens-) Freude ungeniert zeigt. Und das ist vielleicht der größte Unterschied zu uns, wie mir an diesem Weihnachten mal wieder deutlich wurde. Wir warten das ganze Jahr auf die Freude, die oft so schmerzlich fehlt, und uns wenigstens am Fest gebracht werden soll. Natürlich nur, wenn wir den Rest des Jahres brav warteten, sprich schweigend ausgeharrt haben. Und wie jedes Mal funktioniert es nicht und die Enttäuschung ist riesig groß. Alles Quatsch Leute, lasst euch nicht ausnutzen, glaubt nicht an die leeren Versprechungen, denn die Freude ist keine Handelsware sondern liegt von Anfang an in uns. In jedem einzelnen, seit dem ersten Tag. Sie ist uns angeboren wie unser Gesicht oder die Hautfarbe. Manchmal braucht sie einen kleinen Stupps, muß erst erweckt werden, dann aber kann man mit ihr wunderbar zusammen spielen. Man kann sie anderen zeigen, sie reflektieren lassen oder ihr einfach mal freien Lauf gestatten. Nur eins geht nicht, sie lässt sich nicht übertragen, so wie man eine Niere verpflanzt oder Blut spendet. Da helfen weder Engel, noch die Weihnachtsbotschaft und selbst ein Besuch der Familie ändert nichts. Vielleicht aber eine Reise nach London? Dort sind die Chancen groß etwas über die innewohnende Freude zu erfahren und dann das Gelernte gleich praktisch anzuwenden. In diesem Sinne wünsche ich frohe Weihnachten. 

 

London bietet im Januar gleich mehrere großartige Lichtfestivals an. An etlichen Plätzen wurden Installationen errichtet, die ausdrücklich den Londonern über die dunkle Jahreszeit helfen sollen. Inzwischen kommen bis zu 1.5 Millionen Wintertouristen zu diesen Veranstaltungen, die übrigens mal wieder kostenfrei besucht werden können. Google Sie mal unter: Lumiere London oder Winter Lights Canary Wharf.