Man hat ja so seine Gewohnheiten. Ich lese beispielsweise morgens gerne die Zeitung, starte dann den PC und prüfe erstmal die Mailbox auf neue Nachrichten. Wenn ich in London bin checke ich auch noch schnell die TfL App*), denn die zeigt mir an, ob alle U-Bahnen planmäßig fahren. Meistens ist das leider nicht der Fall und da ist es hilfreich, wenn man frühzeitig informiert ist. Besonders ärgerlich ist der Ausfall der Piccadilly Line, denn sie verbindet den Flughafen Heathrow mit der Londoner Innenstadt und fährt dann weiter in den Norden. Am Wochenende war auf der Strecke Stillstand und die Passagiere haben sich vermutlich am Kopf gekratzt. Was nun? Erst war ein Feuer an einer Station ausgebrochen, dann wurden geplante und angekündigt Reparaturarbeiten durchgeführt. Mit anderen Worten, der Mega-Flughafen war zwei Tage lang mit der Tube nicht erreichbar. Alternativ gibt es den Heathrow Express, aber der bringt einen nur zum Bahnhof Paddington, von dort muß man sich dann weiter vortasten. Nimmt man am Flughafen den normalen Linienbus, dann braucht man mindestens zweieinhalb Stunden bis ins Zentrum und das kann einem natürlich auch mit der Taxe passieren. Dazu kommt der deftige Fahrpreis; bis zum Covent Garden müssen Sie mindestens mit siebzig Euro rechnen, es kann aber auch ein Hunderter fällig werden. Das ist alles doof. Meine Wahl ist deshalb immer die Tube, die Piccadilly Line und da passe ich wie ein Schießhund auf, dass ich geplante Bauarbeiten tunlichst vermeide. Allerdings finden die an dieser hochwichtigen Strecke auch nur selten statt. Vom Flughafen rattert die Bahn dann in 50 Minuten bis zum Trafalgar Square und das  zu einem ausgesprochen günstigen Preis (< 5 €).

*) Transport for London: https://tfl.gov.uk/tube-dlr-overground/status/

 

Der Heathrow Express ist ein Schnellzug. Er pendelt zwischen Paddington (Foto) und Heathrow. Die Fahrt dauert nur 15 Minuten, kostet allerdings 2 Euro pro Minute. Wenn man sein Hotel nicht unmittelbar am Bahnhof hat, dann macht die Ausgabe wenig Sinn.

 

Manchen dauert die Fahrt mit der Underground zu lange, aber mal ehrlich, wenn man nicht gerade wöchentlich in London ist, dann beginnt das Abenteuer doch schon beim Einstieg in Heathrow. Das ist eine der Endstationen dieser Linie, weshalb ein freier Sitzplatz garantiert ist. Anfangs teilt man sich den Zug ausschließlich mit anderen Reisenden. An beiden Längsseiten des Wagons ist eine lange Sitzbank, also hat man unweigerlich die Hälfte der Mitreisenden gut im Blick. Da fange ich dann schon mal an abzuschätzen, wo der eine oder andere wohl herkommen mag. Eine Frau, mir genau gegenüber, macht es mir leicht, sie hält ein Buch mit französischen Titel in der Hand. Die ist aus Frankreich, keine Frage, und eigentlich hätte ich es auch ohne Buchhilfe raten können. Sie ist irgendwie elegant gekleidet, hat ein gekonntes Make-Up, die Frau hat Stil und hat ihre Accessoires detailliert aufeinander abgestimmt. Bei einem deutsch sprechenden Pärchen muß ich länger rätseln. Er (?) hat einen ungepflegten Drei-Tage-Bart und trägt ein Kleid. Er ist füllig und sieht in dem Dirndl ziemlich drall aus. Ist das nun eine unterjodierte Frau aus dem Gebirge oder ein Kerl mit ausgeprägten Brustansatz? Vielleicht hat er/sie das Geschlecht gewechselt oder der Chirurg ist noch mitten in der Arbeit. Ich kriege es einfach nicht heraus und neugierig fragen mag man dann ja auch nicht.

 

In der Piccadilly Line sitzt man sich gegenüber. Für den Koffer ist wenig Platz, aber die Londoner sind gelenkig. Sie bewegen sich geschickt um die Trolleys ohne zu Murren.

 

Die ersten Stationen auf der Fahrt von Heathrow, Terminal 5, liegen ziemlich weit auseinander. Noch sausen wir durch Londons Untergrund, aber in einer affenartigen Geschwindigkeit. Ich glaube der alte Zug rumpelt mit mehr als 100 km/h über die Schienen, aber vielleicht täuscht es auch. Die Tunnelröhren sind extrem eng, die Wände sind keine zwanzig Zentimeter vom Fenster entfernt, das mag dazu führen, dass da draußen alles rasend schnell vorbeifliegt. Falls die im Fenster eingebauten Lüftungen geöffnet sind, dringt ein Höllenlärm ins Innere des Zuges. Im Kopfhörer kann ich keinen Ton hören, dabei habe ich die Musik ziemlich laut an. Die London Underground ist nichts für Komfortliebhaber, dafür aber ziemlich agil und robust. Mein Blick wandert zum Streckenplan. Der zeigt unmissverständlich die nächsten Stationen an, das ist vorbildlich dargestellt. Ausserdem wird in einem Display mit Laufschrift gut sichtbar der Name der nächsten Station gezeigt. Das ist von jedem Platz aus gut zu sehen. Über Lautsprecher wird vor jedem Halt noch einmal alles Wichtige gesagt: “This is Osterley. This is a Piccadilly Line train to Cockfosters. Please stand clear of the doors”. Dann folgt “mind the gap” und schon schließen sich die Türen. Falls Sie umsteigen müssen, können Sie sich entspannt auf die Lautsprecheransage verlassen: “This is Leicester Square. Change here for the Northern line. This is a Piccadilly line service to Cockfosters”. Ganz Schlaue grinsen in diesem Moment, denn die Endstation ‘Cockfosters’ könnte man vielleicht als ‘Hühnerzucht’ übersetzten, denn der Hahn ist ‘the cock’ und ‘to foster’ bedeutet pflegen oder hegen. Allerdings nennt der gemeine englische Mann sein ‘very private piece’ auch gerne ‘cock’ und freut sich schon auf den Pflegedienst an der Endhaltestelle.

 

Die Strecke ist übersichtlich im Zug dargestellt. Hier reicht der Platz nicht, deshalb musste ich mittig abschneiden und die beiden Teile dann untereinander stellen. Das ist die Piccadilly Line von Heathrow bis Cockfosters.

 

Inzwischen fahren wir längst oberirdisch und haben schon fast die Zone 2 durchfahren. Wir rattern durch typische Londoner Wohngebiete, wo Leute wohnen, die es nicht ganz so dicke haben. Ich finde diese Strecke höchst interessant, denn vom erhöhten Bahndamm lässt sich in so manchen Hintergarten luken. Rasen ist dort wenig zu sehen, das sind eher ‘yards’ als ‘gardens’, also Höfe, aber es ist schon toll, was die Leute da so alles deponieren. Die Wohnungen sind meistens verdammt klein und da werden dann eben ganze Wohnlandschaften kurzerhand ins Freie gestellt. Wir laufen im Bahnhof Earl’s Court ein, einer der größeren Umsteigebahnhöfe, und langsam wird es interessant. Es steigen immer mehr Leute zu und die das sind jetzt alles ‘richtige’ Engländer, ja waschechte Londoner. Ein paar Touristen sind auch dabei, aber die erkennt man auf den ersten Blick und das liegt nicht nur am geräumigen Rucksack. Ich schaue so unauffällig wie möglich von einem Briten zum anderen. Sehen Sie anders aus? Ja, das tun sie. Mir sitzt ein älterer Mann gegenüber, er hat einen kleinen Hund an der Leine. Er ist bestimmt schon Rentner und wird nicht allzuviel Geld haben. Seine Kleidung ist einfach aber wirkt so sauber, als wäre alles gerade erst gekauft. Das Hemd ist frisch gebügelt, die Krawatte ist fleckenfrei, die Stoffhose sitzt tadellos, die Beinlänge stimmt und die Lederschuhe sind frisch geputzt. Und natürlich hat er sich beim Rasieren Mühe gegeben, sein Gesicht ist rosig und glatt. Kein Haar wurde stehengelassen. Gerne würde ich ihn in einer Unterhaltung besser kennenlernen, aber das geht natürlich nicht, wir sind schließlich in England. Nur sein Hund macht eine Ausnahme, er reagiert auf meine Blicke und bläst die Backen auf.

 

Bei der Abreise kann es eng werden. Steige ich in der Rush Hour in die Underground, dann habe ich mit meinem Koffer eigentlich keine Chance. Ich achte deshalb immer darauf, dass ich London um die Mittagszeit verlasse, dann sind weniger Menschen unterwegs.

 

Oha, jetzt sind wir schon in ‘Hyde Park Corner’. Nur noch vier Stationen, dann bin ich da. Die sind alle sehr kurz und dann ist es soweit: Covent Garden. Mir klopft das Herz, hier bin ich zuhause. Mit schnellen Schritten eile ich zur etwas versteckten Treppe. Danach wird mich der Lift die fast 80 Meter bis auf das Straßenniveau bringen. Die Fahrkarte habe ich schon in der Hand, denn oben muß ich damit die Sperre öffnen und dann ist es geschafft. Ich tauche in die Menschenmasse ein, die sich über die James Street in Richtung des alten Blumenmarktes schiebt. In diesem Moment ist der Reisestress vergessen und es stellt sich ein himmelhochjauchzendes Glücksgefühl bei mir ein. Hello London – I’m back!

 

 

Es dauert nicht mehr lange, dann wird die Elizabeth Line eröffnet. Erste Probezüge fahren schon. Das ist dann ein echte Alternative zur Piccadilly Line für alle Besucher, die über den Flughafen Heathrow einreisen. Die Elizabeth Line wird über Paddington ins Zentrum fahren. Sie ersetzt nicht den Express, sondern fährt als ‘normale’ U-Bahn. Auf dem Bild sieht man, dass die Bahnhöfe schon gut vorbereitet sind. Übrigens sind die Hinweise ‘eastbound / westbound platform’ äußerst hilfreich für Ortsfremde. Sie sagen nämlich, dass die Züge vom jeweiligen Bahnsteig in Richtung Osten bzw. Westen fahren. Damit kann man meistens etwas anfangen. Verläßt man sich alleine auf das Bauchgefühl, dann geht das für Nicht-Engländer meistens schief. Das liegt am Linksverkehr, denn der wird auch von London’s U-Bahnen gefahren.