Der Engländer ist ein scheues Reh, sobald es um die Liebe geht. Das Flirten wurde ihm nie beigebracht und offensichtlich wird das Thema auch tunlichst im Kreise der Kumpel vermieden. Kurzum, egal welche Altersklasse, der britische Mann tut sich schwer seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ganz besonders, wenn er die angebetete Frau noch gar nicht kennt. Da greift die Etikette noch voll in die Bremse und das hindert ungemein. In der Kindheit hat man ihm beigebracht das Anfassen, Knuddeln und Schmusen keine Optionen sind. Jedenfalls nicht ausserhalb der elterlichen Wohnung. Weil er dort aber selten auf die große Liebe trifft, wird es schwer, wenn die plötzlich vor ihm auftaucht. Seine Reaktion wird dieselbe sein wie bei allen Männern weltweit. Sein Herz bummert, die Körpertemperatur steigt, das Gehirn läuft Amok. Sitzen die Haare richtig? Ist seine momentane Haltung cool? Wirken die Klamotten sexy? Er streicht also wie wild an sich herum, zieht mal hier und mal dort. Wenn der Ort es ermöglicht, dann dreht er sich schnell zum Tresen und trinkt erst einmal sein Bierglas leer. Beziehungsweise das nächste beste das dort steht, denn für Details hat er gerade kein Auge. Vielleicht ist der Schluck sogar eine gute Strategie, denn das Ale beruhigt ihn und gibt ihm ein wenig Zeit. Leider wird er sofort ein neues Bier ordern und dann noch eins und noch eins und dann hat er endlich den Mut gefunden, die Lady anzusprechen, die aber inzwischen bereits weitergezogen ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese unüberwindbaren Hemmungen in Sachen Körperlichkeit eines der Gründe für den viel zu hohen Alkoholkonsum der Engländer ist.

Seien Sie also nachsichtig, falls sich ein Ihnen ein Engländer etwas tollpatschig nähert. Ein mögliches Szenario ist, dass sie selbst schon seit Stunden intensive Signale der Bereitschaft aussenden, ohne Echo zu bekommen. Der Kerl schaut augenblickblich weg, sobald sie Ihre Augen auf ihn richten. Will man es abkürzen und übernimmt selbst die Initiative, -eines der willkommenen Geschenke im Alter-, dann haut er augenblicklich Richtung Loo ab! Die andere Variante habe ich selbst erlebt, sie ist nicht minder überraschend. Aus heiteren Himmel stürzte der Angebetene auf mich zu, gab mir einen Kuss und verschwand. Binnen einer tausenstel Sekunde war er außer Sicht- oder gar Reichweite. Seitdem ist er stets auf der Hut, nicht in meine Nähe zu kommen. Das  wäre ja soooooo embarrassing für ihn.

Lange Vorrede zum heutigen Thema. Was macht eine verklemmte Männergesellschaft, wenn sie sich nicht traut die Frauen anzufassen? Klar, sie sucht sich Ersatz und findet den in Hund und Katze. Wenn bei uns im Wahlkampf Babies geküsst werden, dann macht der Engländer dasselbe mit niedlichen, kleinen, stinkenden Terriern. Und glauben Sie mir, die haben beide daran Spaß.

 

Boris Johnson auf Wahlkamptour. Dabei haben Hunde gar kein Wahlrecht. Eigentlich merkwürdig, aber vielleicht sind sie zu schlau und würden den Kandidaten ihre Stimme geben, der vernünftige Politik vorschlägt.

 

Während der Birthday Parade für die Queen, habe ich gestandene, ältere Herren in ihrer besten Ausgehuniform auf der Mall gesehen, die genau dasselbe machten, ohne Rücksicht auf Hundehaare oder Sabberflecken. Weil dort eigentlich keine Tiere mitgenommen werden dürfen, das Gewühle ist zu groß, müssen die braven Blindenhunde herhalten. Sie werden geknuddelt, geküßt und an die ordenbehangene Heldenbrust gedrückt. – Für königliche Kreise gilt dasselbe. Angedeutets Küßchen links und rechts, neben die Ohren geworfen, sind eingeübt. Sobald aber die Gefühle im Spiel sind, stehen sie mindestens genauso verdruckst herum. Schließlich müssen sie stets damit rechnen, dass ihr Flirtversuch auch noch von einhundert Handykameras für immer dokumentiert wird. Also drehen sie lieber ab, ertränken das Verlangen im Bier, Cocktail oder Pimm’s Likör. Sophie, die Countess of Wessex und Ehefrau von Prinz Edward, hatte einen Terrier entdeckt, -derselbe Schmuser wie bei Boris?-, und schon wurde den Gefühlen freien Lauf gelassen. 

 

 

Wie ist das eigentlich mit der Hygiene? Welche Bakterien schwimmen im Hundespeichel? Dringt der mögliche Bandwurm von Zeit zu Zeit bis in die Kehle vor, um zu schauen was da draussen so los ist? George winkt ab, “no serious health hazard. But dogs and cats can catch a cold from their owner.” Das sieht er ja recht großzügig, aber dann spricht er sich doch gegen das intensive Mensch/Hund Geschmuse aus. Wie so oft, mit überraschender Begründung: “Don’t cuddle the dog. He feels stressed and unhappy, because it stops him being able to run away.” Soll ich das glauben oder sucht er nur einen Grund mir zu beweisen wie mutig er selbst ist? Er hält meinen Annäherungen tapfer stand und hat sich inzwischen auch das ‘embarrassing’ ziemlich gut abgewöhnt. Wenn Sie sich also einen Engländer angeln wollen, nur Mut. Man kann sie umgewöhnen, es dauert ein wenig, aber dann merken sie schnell, was sie alles bisher versäumt haben. Und Hund atmet dann auch wieder auf, denn ab sofort hält ihn niemand mehr fest, wenn er doch eigentlich viel lieber im Garten buddeln gehen würde. Happy licking.

1 Kommentar

  1. Ein paar Dinge gehören zur Grundausstattung eines echten Engländers, nämlich …

    … sein Bedürfnis auf räumliche Distanz. Minimum 6 inch, auch in der ‘queue’.
    … er lernt schon früh ‘self control’ und kann deshalb seine Gefühle gut verbergen
    … er kann Dinge/Menschen/Ideen bewundern, ohne sie gut zu finden.
    … für ihn hat alles zwei Seiten, inkl. der Wahrheit.
    … und, ganz wichtig, ‘foreignness tends to start at the end of their own street’.

    Welche Erfahrungen haben Sie mit Engländern gemacht? Was fehlt auf meiner Liste. Starten wir einen small talk.

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