In der Zeitung erzählt ein englischer Arzt, dass die Brexitwahl seine Ehe zerstört hätte. Eine der Tabloid Stories dachte ich mir, fand mich dann aber schneller in dem Artikel wieder, als gedacht. Die Geschichte ist einfach. Der Mann entschied sich bei der Brexit-Wahl, im Sommer 2016, für das Ausscheiden aus der EU, seine Frau, eine Deutsche, wählte den Verbleib. Auch sie ist Ärztin, beide leben und arbeiten in England. Jetzt, in einem unbedachten Moment, erzählte er seiner Frau, wie er sich damals entschieden hatte und sie reagierte entsetzt. Er beschreibt es mit diesen Worten: “My wife felt herself devastatingly betrayed when she discovered how I had voted.  That triggered the end of our marriage from one moment to the next.” Und dann fügt er noch hinzu: “I regret my vote so much, it breaks my heart talking about it.” Der Mann wirkt aufrichtig, er ist am Boden zerstört.

Wie muß man sich das vorstellen, frage ich mich. Wie kann es sein, dass ein gut ausgebildeter, erwachsener Mensch, mal so eben eine folgenschwere Wahl trifft, deren Folgen er nicht bedenkt? Der Doktor sagt dazu: “I voted ‘naively’ to Leave because I thought it would lead to more money for the NHS.” Damit meint er das britische Gesundheitssystem, dass die Briten mit kostenfreier Behandlung versorgt, aber auch die Ärzte und Krankenhäuser bezahlt. Es war damals, und ist bis heute, eines der wichtigsten Argumente für den Ausstieg, weil jeder glaubte, dass man dann das viele Geld künftig viel sinnvoller ausgeben kann. Nie hörte ich jemanden ‘Blödsinn’ rufen, nie erwähnte jemand die Leistungen und Subventionen, die man im Gegenzug von der EU erhält. Das scheint den Engländern überhaupt nicht bewußt zu sein, ist aber keine Entschuldigung. Wenn man Politiker hat, die einen nicht aufklären können oder wollen, dann muß man sich mal selbst bemühen. Das mag langweilig, anstrengend und wenig amüsant sein, ist aber jedem, gerade heute, relativ leicht möglich. Es geht schließlich um die Zukunft des Landes und der Menschen. Und ich hadere damit, dass meine englischen Freunde diese Hausarbeiten starrköpfig verweigern.

Ich habe die Engländer immer für ihre humorvolle, spielerische Art bewundert, der sie auch in kritischen Situationen treu bleiben. Aber beim Austritt aus der Europäischen Union ist das einfach nicht angemessen. Es hilft nix, man muß diesmal den Verstand bemühen.

Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich es von der Seele kriegen muß. Der dicke Kloß, der mir im Magen liegt will nicht weichen. Gestern schrieb ich meine Sicht zum Brexit auf und man veröffentlichte es in einer Londoner Tageszeitung: 

Heute morgen war das bleischwere Gefühl noch immer da. Mich beschlich die Angst, dass da eine große Liebe ihr Ende gefunden hat. War das übertrieben? Nehme ich es zu persönlich? Ich fand keine Klarheit und da kam mir diese Geschichte des Ärztepaares gerade recht. Mein Gefühl scheint nicht ganz verkehrt zu sein.

Noch hoffe ich auf eine Rückwärtsrolle der Briten, noch will ich es nicht wahr haben. Aber wenn ich mir die Mails meiner englischen Freunde durchlese, dann muß ich mir eingestehen, it’s over. Die Freundschaft wurde mir gekündigt. Sie sagen es mir ganz offen, denn ironischerweise ist es ihnen überhaupt nicht bewußt, welchen Weg sie gewählt haben. So sorry.