Im Londoner U-Bahn Netz gibt es eine ganze Menge Stationen, die nach ihrer Schließung ein ‘Geisterleben’ führen. Es gibt sogar Stationen, die nie eröffnet wurden, und irgendwo zwischen Rohbau und Fertigstellung für immer fest steckten. Ein solcher Bahnhof ist auf der Northern Line gleich hinter der Station East-Finchley auf freier Strecke zu bestaunen. Er wurde nie in Betrieb genommen. Warum, weiß inzwischen auch niemand mehr. Aber ein Abriß kommt nicht infrage, denn dann würde den Anwohnern etwas fehlen. Der Londoner ist nun mal traditionsbewußt. Andere Stationen haben lange als Halt gedient, bis sie eines Tage für immer still gelegt wurden. Dazu gehört der Bahnhof Strand Station, der allerdings unter dem Namen Aldwych im Haltestellenplan geführt wurde. Auch so eine Falle für ortsfremde Touristen; Londonern fällt solch ein ‘falscher’ Name gar nicht auf, denn die wissen wo sie hinwollen.

 

Auf der stets vielbefahrenen Strasse The Strand fällt die Fassade des alten Bahnhofs kaum auf. Man kann die längst geschlossene Station besichtigen, wenn man eine Tour im Transport Museum bucht. Das ist ganz in der Nähe, an der Piazza des Covent Garden.

 

 

Dieser Bahnhof hat eine Fassade aus dunkelroten, glasierten Terracotta Fliesen. Das ist an vielen alten Stationen verwendet worden. Die Station gehörte zur Piccadilly Line, das ist die dunkelblaue auf der Map, und lag zwischen den Haltestellen Covent Garden und Holborn. Sie wurde 1907 in Betrieb genommen und hat wie viele Bahnhöfe in der Nähe große Aufzüge, um die Passagiere vom Bahngleis auf das rund 30 Meter höhere Straßenniveau zu bringen. Als diese kostenaufwendig erneuert werden mußten, wählte man die Schließung, denn der Bahnhof war nicht hoch frequentiert. Das passierte 1994 und schon bald darauf wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Die Strand Station hatte genau wie der nächste Bahnhof Covent Garden getrennte Ein- und Ausgänge. Weil die Station an einer Hausecke liegt, konnte das Gebäude von zwei Seiten betreten werden.

 

Und so sieht der Ausgang des Bahnhofs ‘Strand’ bzw. ‘Aldwych’ aus. Diese Türen führten die Passigiere in die Surrey Street.

 

Schon während des ersten Weltkrieges diente die Station und der damals noch benutzte Stichtunnel von Aldwych to Holborn als Lager für Kunstgegenstände. Ab 1940 wurden dann wertvolle Exponate des British Museum hier eingelagert. Unter anderem auch die Elgin Marbles (antike griechische Marmorskulpturen und Friese), die heute täglich von tausenden Besuchern bestaunt werden. Das hätte alles futsch sein können, man mag es sich gar nicht vorstellen. Der Bevölkerung diente die unterirdische Station als Schutzraum gegen die massiven, meist nächtlichen Bombenangriffe.

 

So sieht der Bahnsteig aus, wenn ein Filmteam vor Ort ist. Man hat aufgeräumt, einen Zug geparkt und sogar einige Plakate geklebt. Natürlich fehlen die Menschen, die normalerweise dichtgedrängt auf dem Bahnsteig warten, aber meistens brauchen die Filmleute keine Statisten. An diesem speziellen Ort werden bevorzugt unheimliche Szenen gedreht, was kein Wunder ist, denn man sollte den Besuch nur wagen, wenn man starke Nerven hat. Als ich dort war, fiel meiner Begleitung nichts besseres ein als mir mitzuteilen: “Do you know, that you are in London nearly always more than six feet away from a rat?” “Danke für die Info!”
Wahrscheinlich werden künftig keine Filmteams hier mehr drehen, denn ab 2020 wird die Station Holborn gründlich renoviert und dabei wird dann auch der Stichtunnel zum Bahnhof Aldwych geschlossen. Danach können keine Züge mehr in den Geisterbahnhof einfahren und vielleicht beginnt ein langer Dornröschenschlaf.

 

Obwohl die Strand Station seit fast 25 Jahren ein Geisterbahnhof ist, kann man dort von Zeit zu Zeit reges Treiben beobachten. Oft sogar nachts, dann dringt Scheinwerferlicht aus dem Inneren. Aber es sind keine Geister, wovon es in London wirklich einige gibt, es sind meistens putzmuntere Promis, die das Bahnhofsgebäude beleben. Die alte Halle, die großen Aufzüge und die typischen halbrunden Tunnel, wovon sich der Name tube (Röhre) ableitet, sind eine begehrte Filmkulisse. Der mehrteilige TV-Krimi Sherlock hatte hier einen markanten Schauplatz. Auch Superman hat hier einige Szenen gedreht oder auch die Schauspieler der TV-Serie Mr Selfridges, von der ich aber nicht genau weiß, ob sie auch schon im deutschen TV zu sehen war. Wenn Sie nächstes Mal den Strand*) entlanggehen, und das werden Sie tun, denn es ist die Hauptverbindung zwischen dem Palace of Westminster und der St Paul’s Cathedral, dann achten Sie mal auf den markanten Eingang zur alten Strand Station. Sie finden Sie auf der rechten Seite, wenn Sie in Richtung City of London unterwegs sein sollten.

*) Wie heißt es denn nun? ‘Strand’ oder ‘The Strand’? Die Strasse gehört zu den ältesten Routen in London und verband schon in der Römerzeit die eigentliche City mit dem westlich davon gelegenen Kirchenzentrum, gemeint ist Westminster Abbey. Der Name bedeutet tatsächlich dasselbe wie in unserer Sprache, allerdings ist es altes Englisch. Heute würde man den Badestrand als ‘beach’ bezeichnen. Hier geht es aber um des Themseufer, das früher bis an diese Straße reichte und auch heute noch bei jeder Ebbe feinsten Sandstrand zeigt. Im alten Englisch gibt es das Wort Strond und davon leitet sich der Name ab. Offiziell, und deshalb auch in jedem Straßenplan, liest man Strand. Das ist der Name. Allerdings würde ein Londoner ihn niemals ohne den Artikel ‘the’ verwenden. Also sagen sie ruhig immer The Strand, dann liegen Sie richtig.

 

Auf dieser alten Karte ist die Station ‘Aldwych/Strand’ noch zu finden. Sie zweigte von der Piccadilly Line in Richtung Süden ab.