Oh what a night! Nein, nicht in unserem Schlafzimmer, sondern draußen, am Londoner Himmel. Schon am Abend ging es los, aber die eigentliche Lightshow fand ziemlich genau um Mitternacht statt. Es blitzte und knallte und krachte. Zu guter Letzt öffneten sich die dunklen Wolken, liessen ihre Last fallen und sintflutartiger Regen setzte ein. Es prasselte auf London nieder und schon bald blockierte Hochwasser den Verkehr. Die Underground nach Richmond konnte nicht mehr fahren und am Flughafen Stansted hatte der Blitz eingeschlagen und damit das ganze Betankungssystem ausser Betrieb gesetzt. Die vielen Kurzurlauber, schließlich ist Bank Holiday Weekend, saßen in spritlosen Flugzeugen und selbst heute morgen ist die Sache noch nicht behoben. Übermüdetet Passagiere erzählten im Fernsehen von ihrem Frust, darüber dass man sie schlecht informiert hatte und auch jetzt nicht wissen wann und wie es weitergeht. Eine Information war allerdings schon kurz nach Mitternacht auf der Webseite des Flughafens zu lesen: “We apologise for the inconvenience and advise all passengers to check with their airlines for their latest flight updates”. Na prima, wir sind in England. Diese Standard-Entschuldigung sollte ich mir eigentlich mal auf ein T-Shirt drucken lassen. Wenn dann hinten noch Platz ist, kann ich mit “keep calm and carry on” ergänzen.

 

Sieht aus, als wäre das Shard getroffen worden. Bei so einem Gewitter möchte ich in dem Glasturm auch nicht übernachten. Die Suite ganz oben hat raumhohe Fenster rundherum. Du meine Güte.

 

Ja, das war wirklich ein heftiger Gewittersturm, der letzte Nacht von Frankreich über den Kanal hereinzog. “What can we expect from the French?”, schimpft mein Engländer und hofft dass ich hier nicht erwähne wie tief er unter die Bettdecke gerutscht war, als die Gewitterdynamik sich gerade zum ‘frenetico’ hochpeitschte. Die Meteorologen hatten alleine in Großraum London 15 – 20.000 Blitze gezählt. Ich weiß nicht was ‘normal’ ist, aber ich denke das war schon eine Extraklasse. Trotzdem kann ich mich an ähnlich schwere Gewitter in Hamburg erinnern, besonders in den letzten Jahren. Da wird dann die Nacht zum Tag, weil zwischen den Blitzen keine Pausen stattfinden. Irgendwie leuchtet der ganze Himmel hell und minütlich gehen armdicke, grelle Strahlen aus den Wolken schnurstracks zur Erde runter. Da kann man nur beten, dass da gerade niemand steht. Aber wie gesagt, das habe ich auch schon im letzten Sommer in Hamburg erlebt. George glaubt es mir nicht, er bleibt stur: “I’ve lived in London all my life and never have I experienced this kind of ferocious”. An dieser Aussage ist schon der erste Teil falsch, denn er kam erst mit 16 Jahren nach London, aber nun gut, ich will nicht pingelig sein. Der Wettermann im TV übertreibt genauso: “The mother of all thunderstorms brought an end to the UK’s bank holiday sunshine”. Das ist ja ziemlich schnell gegangen, denn das lange Wochenende hatte ja man gerade erst begonnen. Andererseits wen überrascht es, genau das hatte ganz England doch erwartet, wie ich schon vor drei Tagen hier in meinem Blog erzählte.

 

Der Regen prasselt auf London’s Strassen nieder. Die Engländer unterscheiden 500 Arten von Regen. Ich glaube dieser gehört zwischen ‘pelting rain’ und ‘driving rain’.

 

Obwohl es ‘nur’ um einen freien Montag geht, nutzen 17 Millionen Insulaner das verlängerte Wochenende für einen Kurztrip. Das Ziel ist eindeutig, nämlich irgendwo an der Küste, die zum Glück nirgends weiter als zweieinhalb Autostunden entfernt ist. Natürlich muß man am Bank Holiday Weekend mehr Zeit einplanen, denn zu ziemlich derselben Zeit, haben alle dasselbe Ziel. Also da dauert es dann fünf oder auch mehr Stunden. Manche kommen gar nicht bis zum Meer, sondern müssen schon vorher umdrehen, damit sie rechtzeitig am Dienstag wieder im Büro sind. Und da werden sie dann von der ‘Mutter aller Gewitter’ erzählen und vom ‘Vater aller Staus’. Man wird es witzig ausschmücken, ein paar doppeldeutige Bemerkungen einflechten und auf diese Weise den halben Tag lachend und erzählend vor dem Teeautomaten verbringen. Und was ist die Moral an der Geschichte? What lessons have been learnt? George weiß es natürlich und antwortet stellvertretend für seine reiselustigen Kollegen: “Never again!” Wollen wir darauf wetten? Lieber nicht, am Montag, den 27. August ist Zahltag, denn dann feiert England seinen August Bank Holiday. Wetten, dass da genau dasselbe passiert. Enjoy the beautiful summer weather.

 

 

Jeder gelbe Fleck markiert einen Blitz. Das Unwetter kam über den Kanal, folgte der Themse und zog zentral über London weiter. Übrigens sollten Sie mit dem Wort ‘Blitz’ in England sensibel*) umgehen. Es hat dort eine ganz andere Bedeutung. Man nannte nämlich die nächtlichen Bombenangriffe auf die Stadt nach dem deutschen Begriff. Jeder Londoner verbindet deshalb das Wort ‘Blitz’ sofort mit dem Kriegsangriff und nicht etwas mit einem Gewitter. Dessen Komponenten heißen ‘thunder and lightning’.  

*) … und um es auf die Spitze zu treiben, will ich das englische Wort ‘sensible’ auch noch schnell übersetzten. Es bedeutet nämlich … nein, das ist falsch … ‘a sensible man’ ist ein vernünftiger, ein gescheiter Mann.