Weihnachten, das Fest der Überraschungen! Ich hielt mich für eine Spezialistin bezüglich der English Christmas und muß nun erfahren, dass ich von der wahren Tradition so viel Ahnung wie der Osterhase habe. Erschütternd war die Mitteilung, dass Santa Claus für die britische Insel gar nicht zuständig ist! Da warte ich auf den Schlitten, werfe immer mal wieder einen Blick in den Nachthimmel und dann das. Santa ist zwar am Nordpol zuhause, stellt aber ausschliesslich in den USA per Luftpost zu. In England ist Father Christmas für die Logistik zuständig und hat sein Headquarters in Lappland! 

Wenn Sie unsicher sind, ob es Santa oder Father Christmas ist, lassen Sie sich einfach den Reisepass zeigen. Stammt der Mann aus Lappland, dann ist er auf dem Weg nach England.

 

Und dann werden die Socken in England auch nicht an den Kamin gehängt (ehrlich???), sondern an das Bettende. Nun stehe ich im Schlafzimmer mit den Stockings  in der Hand und weiß nicht wohin damit, denn das Bett hat am Fußende nix zum Aufhängen. Also zurück ins Wohnzimmer und doch den Kaminsims damit verzieren. Das hat letztes Jahr geklappt, warum also nicht auch diesmal? Ich vermute auch einen ganz anderen Grund, warum George den Weihnachtsmann vom Living Room forthalten will. Dort steht nämlich die Krippe und als Michael, ein Kumpel von ihm, sie letztens begutachten wollte, rief er auf einmal: “Oh my God, it’s a girl!” 

Punkt drei Uhr müssen wir den Fernseher anmachen. Dann spricht die Königin zu uns. Wir werden aufstehen, innere Haltung annehmen, soweit es dann noch möglich ist, und aufmerksam zuhören. Während der Bescherung, also am Vormittag, hat sich die Irish Cream Liqueur Bottle schon mächtig geleert. George sagt, das wäre Gift für die Verdauungsorgane. Man würde von A-Z verschleimen. Und weil er das nicht will, hat er zu dem reinen, klaren und biologisch wertvollen Scottish Whisky gegriffen. Ich wende ein: “But the liver is also a vital organ …”, aber er überhört es einfach. Also schnell noch anziehen und dann der Königin lauschen. Hic. Just one more for the road.

Der Queen gehören dieses Jahr alle guten Wünsche, denn jeder hat bange verfolgt, dass sie ihren Besuch in Sandringham um einen Tag verschieben musste. Sie und ihr Mann waren von ‘a heavy cold’ geplagt. Also mindestens eine Erkältung, womöglich die Grippe. Am Freitag sind sie dann im Hubschrauber losgeflogen. Das geht schneller als mit der Bahn und vor allem konnte man so das Ehepaar sicher vor jeder Kamera abschirmen. Wer möchte sich schon gerne mit roter Schniefnase und dicken Augen fotografieren lassen. Heute morgen dann die ungute Nachricht, dass die Königin am Gottesdienst nicht teilgenommen hat. Das lässt sie sich eigentlich um nichts nehmen und es ist deshalb ein sicherer Hinweis darauf, dass sie noch immer schwer unter der Erkältung leidet. Immerhin hat sich ihr Mann Philip erholt und war mit Kindern und Enkeln in der Kirche. Da kann man nur gute und baldige Besserung wünschen.

Die Familie auf dem Weg zur Kirche. Seit Jahrzehnten erstmals ohne die Queen.

 

Die Weihnachtsansprache wurde übrigens schon vor einigen Tagen aufgenommen. Man weiß auch ziemlich genau, was die Königin sagen wird. Trotzdem gehört es einfach zum Weihnachtstag dazu. Punkt drei Uhr überträgt die BBC und das ist dann die deutliche Zeitenscheide zwischen dem privaten Teil am Vormittag und dem ausserhäuslichen Part am Nachmittag. Bis mittags läuft man unrasiert im Pyjama herum und nun sitzen alle gut angezogen auf dem Sofa und hören sich erstmal die Nationalhymne an. Und so singen wir aus voller Kehle: God save our gracious Queen, long live our noble Queen, God save the Queen!

Die Queen hält ihre Weihnachtsansprache 2016. Das neue, offizielle Foto mit ihrem Sohn Charles, steht auf dem Schreibtisch.

 

Die Erkältungswelle hat England fest im Griff. Leider sind auch Ärzte vor Viren nicht geschützt und so mußte George nun doch Bereitschaftsdienst über die Feiertage machen. Bisher war alles ruhig. Aber die Kollegen von der Feuerwehr haben viele Einsätze weil Winterstürme über die Insel jagen. Die Notärzte beschäftigen sich dieses Weihnachtsfest mit besonders vielen idiotischen Notrufen. Ich nenne sie ‘idiotisch’ weil sie die personellen Kapazitäten blockieren. Während die Einsatzkräfte Gänse vom Dach (die können eigentlich fliegen) retten sollen, brennt nebenan der Weihnachtsbaum nieder. Allerdings war ich dann doch interessiert überrascht über die vielen Männer, die sich in einer besonders heiklen Notlage befinden. Sie haben sich einen Ring über die Genitalien gezogen und bekommen den nun nicht wieder herunter. Da stellen sich mir gleich zwei Fragen: Ist das so eine Art weihnachtlicher Schmuck oder dient es eher als alltägliches Hilfsmittel? Und was macht die Feuerwehr in einem solchen Fall? Kalte Dusche aus dem C-Rohr oder gleich den Seitenschneider? George guckt mich stirnrunzelnd an, antworte mit einem ouch! und zuckt die Schultern.

Urenglische Tradition: Baden am Weihnachtstag in der See. Man warnt vor den Stürmen Barbara und Connor. Na, wenn es zwei sind, dann kann man doch die Zeitlücke dazwischen nutzen. Let’s have a festive dip in the sea.

 

Auf zum Auslüften, bevor der nächste Sturm angebraust kommt. Wenn wir Glück haben sehen wir die Royal Horse Artillery, die es in diesen Tagen auch locker angehen. Statt Uniform tragen die Soldaten Christmas jumper und die Pferde werden festlich geschmückt. Das ist immer ein großer Spaß.

Und ein Stück weiter, mitten in Westminster, sind noch zwei Seelen alleine zu Hause: Larry and Palmerston. Kanzleramt und Auswärtiges Ministerium sind fest in der Hand der beiden Racker. Aber keine Angst, ganz verwaist sind sie nicht. Einige Angestellte müssen über die Feiertagen ihren Job machen. Aufpassen, dass die Insel fest vor Anker liegt und der Kontinent keine Invasion plant. Da bleibt genug Zeit auch die Kater zu füttern und mit ihnen zu spielen. Ausserdem kommt ja alle Stunde das Wachkommando vorbei und das weiß Palmerston zu schätzen. Er  fühlt sich sehr geehrt und lässt es sich nicht nehmen, den Soldaten persönlich für die Aufmerksamkeit zu danken. Hoffentlich bleibt alles friedlich.

Palmerston hat sogar einen Christams hamper bekommen. In diesem Fall darf man das wohl mit ‘Fresskorb’ übersetzten.