You must have the heart of a lion and not be a chicken. Das lernen die kleinen Engländer von Daddy und schnell fügt er noch hinzu stets wie ein Fels an ihrer Seite zu stehen. Und trotzdem scheinen sie regelmäßig kollektiv von einer großen Furcht befallen. Das passiert fast immer im Winter und im Sommer, beispielsweise in diesen Tagen, wo die Panik ganz besonders die Londoner erfasst hat.

Sobald die Temperaturen über 25° Celsius klettern, befinden sich die Engländer in einer ‘heatwave’. Klettert die Temperatur auf 30°, dann fürchtet man um sein Leben. Das wird von den Zeitungen befeuert, die dann mit Schlagzeilen dieser Art warnen: ‘Heatwave grips Britain as health alerts issued and trains in meltdown’. Warum hat der eigentlich furchtlose Brite solche Angst vor heißen Sommertagen? Warum warnt man jedes Jahr erneut vor allen möglichen Gesundheitsschäden, verursacht durch Sommerhitze? Ein Grund ist ein sehr simpler, nämlich die Gewohnheit das Wetter zum Thema der alltäglichen Unterhaltung zu machen. Ein britscher small talk dreht sich um zwei Themen: Die öffentlichen Verkehrsmittel, die stets zu spät, zu voll, zu heiß …, von A nach B fahren und um das Wetter. Egal ob schön, wunderschön, veregnet oder total verregnet, man kann sich ausgiebig darüber austauschen, ohne in die Peinlichkeit zu geraten, irgendetwas von sich selbst preisgeben zu müssen.

 

Wenn sich die Polizisten ein Eis gönnen, dann ist der ‘Summer in the City’.

 

Aber es gibt ernstere Gründe, warum der Engländer ausgeprägte Wetterbedingungen fürchtet. Graben wir doch mal etwas tiefer. Jeden Winter sterben weit über 10.000 Menschen an der Kälte und zwar ausschliesslich in London! Aus verschiedenen Gründen heizen die Menschen dort nicht genug und erfrieren schlicht in ihren eigenen vier Wänden. Im Sommer dehnen sich die Schienen in den Gleisbetten so sehr aus, dass schon nach wenigen 30° Grad Tagen, der Zugverkehr in Stocken gerät. Ich kann nur vermuten, dass man minderwertigen Stahl verbaut oder die Schienen nicht ausreichend fixiert. Auf jeden Fall passiert es, die Strecke wird unsicher und die Geschwindigkeit der Züge muß drastisch gedrosselt werden. Ein Drama für die vielen Londoner Pendler, die dann noch längere Fahrzeiten einplanen müssen. Wer jemals in der Londoner Underground unterwegs war, wird bemerkt haben, wie unangenehm heiß es dort sein kann. Das trifft auf viele unterirdische Stationen zu und natürlich auf die meisten U-Bahnen. Klimatisiert sind nur die wenigsten Züge. Selbst an kühlen Tagen muß man dort unten mit 25-30 Grad rechnen. Das hört sich alles schlimm an, ist es auch, aber gleichzeitig weiß der Engländer, wie er diese miesen Bedingungen mit bewunderswerter Gelassenheit übersteht. So etwas bringt ihn nicht aus seiner positiven Grundhaltung und darum beneide ich ihn sehr. Ich arbeite hart daran mir diese innere Stabilität zu erwerben und betrachte deshalb meine vielen Reisen nach London auch als eine ganz persönliche Schulung.

 

Gestern abend im Bahnhof Waterloo. Die Pendler stehen vor der Anzeigetafel und versuchen herauszufinden, wann ihr Zug abfahren wird. Sicherlich mit großer Verspätung, denn die Hitze macht den Gleisen zu schaffen. Diese Menschenmengen sind in der Rush Hour normal, als Tourist sollte man darauf vorbereitet sein oder die Zeiten meiden.

 

Ich will aber nicht um den Brei herumreden. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen England und Deutschland und der ist der zentrale Grund, warum das Wetter auf der Insel sehr schnell zu einem Ausnahmezustand führt. Der Grund ist die schlechte bautechnische Qualität. Die Häuser sind urgemütlich, aber schlecht isoliert. Sie haben meistens keinen Keller, die Wände sind dünn und lassen die Kälte durch und die Infrastruktur ist haarsträubend dilletantisch verlegt. Ich wollte bei meinem letzten Londonbesuch davon Fotos machen und mußte nicht weit gehen. Mitten im teuren Covent Garden, in Westminster, fand ich eine Wohnanlage, die sicherlich aufgrund der Lage zu den sehr teuren gehört. Ich weiß nicht, ob es Eigentums- oder Mietwohnungen sind, aber das ganze Objekt wird von einem privaten Wachdienst rund um die Uhr beschützt. Die Häuser sind renoviert, man hat vermutlich nachträglich Bäder eingebaut und kam aufgrund der kleinen Grundrisse auf eine mehr als originelle Idee. Der fehlende Platz für die Schächte, in denen die Wasserleitungen vertikal durch die Wohnungen geführt werden, fand man nicht innerhalb sondern außerhalb der Häuser. Die Fallrohre ziehen sich an der Fassade hoch und zweigen auf jeder Etage in die Wohnungen ab. Von einer Isolierung ist nichts zu erkennen und das bedeutet, dass das Wasser im Winter einfrieren wird, sobald das Quecksilber unter den Nullpunkt fällt. Das erklärt manches, da hätte ich dann auch Angst, denn das Wohnen ohne Wasser Ver- und Entsorgung ist ziemlich unkomfortabel.

 

Kein Einzelfall. Schon auf der Fahrt vom Flughafen habe ich renovierte Häuser gesehen, wo die Wasserversorgung an der Aussenseite der Fassade installiert ist. Es scheint die Lösung zu sein, um kleine Wohnungen nachträglich mit einem Bad auszustatten. In der Vergrößerung sieht man, dass hier nicht nur Regenwasser vom Dach abgeleitet wird. Die Rohre führen in jede Wohnung.

 

 

Richtig schlimm wird es dann bei der Stromversorgung. Ich bin noch immer in der Strasse mitten im teuren östlichen Westminster. An vielen renovierten Häusern sehe ich die großen E-Verteilerkästen ungeschützt an der Fassade hängen. An der einen Seite geht das Hauptversorgungskabel hinein und an der anderen Seite wird die Elektrizität in vielen dünn isolierten Kabeln an die einzelnen Wohnungen weitergeleitet. Die eigentliche Stromversorgung der Wohnungen ist haarsträubend: Ein dickes Kabelbündel mündet in einer halboffenen Fensterklappe. Von dort aus wird die Elektrizität innerhalb der Wohnung verteilt. Da darf dann jeder seine Phantasie frei entfalten und in solchen Sachen sind die Engländer einfallsreich. Ich bin ziemlich fassungslos und muß ehrlich gestehen, dass ich in diesem Haus keine Nacht verbringen möchte. Das ist eine brandgefährliche Installation und das darf wörtlich verstanden werden. Auch hier kann man sich leicht vorstellen, wie die Verteilerkästen auf starken Regen reagieren. Da gehen dann ganz schnell die Lichter aus.

 

Auch hier liefere ich eine Vergrößerung, denn man kann es ja kaum glauben. Ein besonderer ‘Witz’ sind die gelben Schilder an den Verteilerkästen. Sie zeigen, das der englische ‘TÜV’ die Sache für gut befunden hat.

 

Aber keine Angst, es geht auch anders. Dass der deutsche Bausstandard nicht alleine aus Pendanterie betrieben wird, dämmert so langsam dem einen oder anderen in England. Gerade in London, wo jährlich fast 18 Millionen Besucher übernachten, müssen sich die Hotels anpassen und viele haben es getan. Für mich ist das eines der Kriterien, die für die Wahl der Unterkunft wichtig sind. Wie man die Qualität eines Hotels herausfinden kann? Nun ganz einfach, sie sollten ihre Standards und ihre Werte definiert haben. Und das sollte auf der Webseite des Hotels nachlesbar sein. Jedenfalls erwarte ich das und schaue mir deshalb die entprechenden Seiten an. Suchen Sie auf der Sitemap nach den ‘Policies’, man sollte dort auch erfahren wie man es im Hotel mit dem Umweltschutz hält (Environmental) und der Unternehmerische Sozialverantwortung (CSR Policy).

Während meines letzten Aufenthaltes im Strand Palace Hotel (Westminster) erlebte ich einen Feueralarm. Zum Glück war kein Brand ausgebrochen, aber der Alarm war echt, woran niemand zweifelte, denn es passiert in den Abendstunden. Natürlich bekam ich einen riesen Schreck, als plötzlich der Rauchmelder in meinem Zimmer laut los heulte. Ich öffnete die Tür und stellte fest, dass der Alarm in allen Räumen war und dass sich die Feuerschutztüren bereits automatisch geschlossen hatten. Genau das sollen sie auch im Ernstfall tun. Genauso richtig war es, dass alle Lifte im Erdgeschoss geöffnet und blockiert waren. Es gibt viele Treppenhäuser in dem großen neungeschossigen Hotel und deren Lage ist auf einem Grundriss deutlich markiert, der an der Innenseite aller Zimmertüren hängt. Ich hatte also kein Problem mir einen Weg ins Erdgeschoss zu suchen. Dort war bereits die Feuerwehr angekommen und das Personal hatte sich auffällige Warnwesten übergezogen. Sie waren geschult, wußten genau wo sie zu stehen hatten und wie sie die Gäste am schnellsten aus dem Haus bringen können. Auch die Information per Lautsprecher klappte. Sehr schnell erfuhren wir, dass es keine Übung ist und dass wir deshalb so schnell wie möglich das Haus verlassen müssen. Es gibt zwei große Ausgänge, einer führt auf den vielbefahrenen Strand wo wir uns auf der gegenüberliegenden Seite sammelten. Die Autofahrer hielten sofort, da braucht der Engländer keinen Verkehrspolizisten. Wenn er erkennt, dass jemand in Not ist, kann man auf ihn zählen. Kurzum, man hatte alles richtig gemacht und ich bin aus heutiger Sicht ganz froh, einmal diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich weiß jetzt, dass ich in dem Hotel künftig noch besser schlafen werde, denn man passt rund um die Uhr gut auf mich auf.

 

Feueralarm im Strand Palace Hotel. Das Hotel war gut vorbereitet, das Personal agierte vorbildlich. Nach kurzer Zeit gab es Entwarnung und wird konnten wieder hineingehen. Ich erlebte was ‘keep calm and carry on’ bedeutet.