Ich weiß noch ganz genau wann ich Alfie das erste Mal gesehen habe. Es war vor ziemlich genau einem Jahr, an einem Sonntag im Juni. Es war schon später Nachmittag, als ich von der Whitehall in den Hof der Horse Guards Parade einbog. Man kann durch die Einfahrt im Haus gehen, dann über den weiten Exerzierplatz, und kommt geradewegs am St James’s Park heraus. Eine enorme Abkürzung. Leider war es zu spät um noch Fotos von den Soldaten zu machen, denn der letzte Wachwechsel findet um vier Uhr statt und danach werden die Pferde in den Stall geführt. Erst am nächsten Morgen ziehen die Wachen wieder auf und lassen sich ohne Murren von allen Seiten fotografieren. 

 

Das Schild warnt: Beware – horses may kick or bite. Manchmal denke ich, würden sie es doch bloß tun.

 

Ich ging also etwas missgelaunt durch den Innenhof, als mir ein kleiner Junge auffiel. Er war erst im Grundschulalter, aber in voller Uniform. Bestimmt würden bei der Britischen Armee keine Kinder dienen und ich war mir auch nicht sicher, ob man es komisch finden würde, wenn ein kleiner Junge sich einen Spaß mit dem Militär macht? Denn das schien mir hier der Fall zu sein. Er marschierte voller Hingabe und Konzentration vor der Unterkunft der Soldaten hin und her. Genau wie es die Großen tagsüber machen. Zwanzig Schritte nach rechts, dann eine Kehrwende und zurück. Unter dem Arm einen Stock geklemmt, die Uniformjacke ein bißchen zu groß, auch die Mütze rutsche über die Ohren, aber irgendwie sah alles ziemlich professionell aus. Das lag vor allem daran, dass der kleine Soldat seine Aufgabe äußerst ernst nahm und entsprechend wirkte. Ich war ziemlich verblüfft und ratlos.

 

 

Dann passierte etwas Unerwartetes. Die Tür öffnete sich und ein Soldat in Uniform trat auf den Hof. Er stand unmittelbar hinter dem Jungen, der ihn gar nicht weiter beachtete. Ungerührt setzte er seine Runden fort. Ich hoffte, der Soldat hat Humor, erlebte dann aber eine große Überraschung. Es passierte nämlich gar nichts, der Guards man querte den Hof, öffnete dort eine andere Tür und verschwand. Nach kurzer Zeit tauchte er wieder auf, nahm denselben Weg zurück, ging knapp an dem noch immer patrouillierenden Jungen vorbei und verschwand erneut in der Kaserne. Ich war baff, stand mit offenen Mund mitten im Hof und konnte mir keinen Reim auf die surreale Szene machen. Der Kleine nahm mich übrigens bestenfalls aus dem Augenwinkel war. Er liess sich keine Sekunde ablenken, da war er genauso konzentriert wie die ausgebildeten Soldaten.

 

Links läuft der Junge, in der Mitte quert ein Soldat den Hof und dahinter steht noch ein Polizeiwagen. Alle scheinen sich gegenseitig zu ignorieren. Ach so, und dann stehe ich da noch ziemlich dumm herum.

 

Ein Jahr später bin ich wieder in London. Wieder auf dem großen Platz der Horse Guards Parade, wo die erste Probe zum alljährlichen ‘Trooping the Colour’ stattfinden soll. Es ist Samstag vormittag, die Sonne scheint, alles passt. Die Soldaten und die Pferde nähern sich schon über die Mall und werden gleich auf den Paradeplatz einbiegen. Die große Generalprobe für den Queen’s Birthday hat begonnen. Einziger Unterschied, die Königin ist natürlich nicht anwesend und als ihre Kutsche einbiegt, ist der Platz darin leer. Sie fährt trotzdem bis zum Ehrenpodest, wo ein Sessel aufgestellt ist. Später fällt mir auf, dass der nicht leer geblieben ist. Jemand durfte sich auf den Sessel der Queen setzen. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, es ist ein kleiner Junge, mit dem Namen Alfie Bartlam, der dort gerade den schönsten Tag seines Lebens geniesst. 

 

Alfie Bartlam und sein Onkel bei ‘Trooping the Colour’. Ich sitze am anderen Ende des Platzes und schaue genau zu dem Jungen hinüber. Ich geniesse die Show, das Wetter und ahne noch nicht, wem ich wiederbegegnet bin.

 

Sie ahnen es, Alfie ist der kleine Soldat, den ich vor einem Jahr, an gleicher Stelle, getroffen hatte. Er ist inzwischen sechs Jahre alt, noch immer recht klein, aber enorm tapfer und mutig. Alfie ist ein echter Superheld, wie seine Mutter sagt. Seine Geschichte ist furchtbar traurig. Vor zwei Jahren wurde Krebs diagnostiziert. Ein Tumor wuchs in seinem Kopf und Alfie mußte sich einem Kampf auf Leben und Tod stellen. Er wurde etliche Male operiert, dann mit Chemotherapie behandelt und schließlich wurde er medizinisch aufgegeben. Die Ärzte können ihm nicht mehr helfen, seine Lebenserwartung ist nur noch kurz. In dieser Situation wollte ihm sein Onkel, ein ehemaliger Soldat, eine Freude machen. Er arrangierte Alfie’s Auftritt bei der Geburtstagsparade. Der Junge liebt alles was mit der Armee zu tun hat und ist seit klein auf an dem Thema interessiert. Er kennt jedes Detail, jeden Befehl und träumt davon eines Tages selbst dienen zu dürfen. Und so wurde ihm eine große Ehre zu teil, er durfte den Platz der Königin während der Generalprobe einnehmen. Das bedeutet, dass der schwert tragende Offizier, hoch zu Roß auf ihn zu reitet, und dann im Befehlston fragt: “Good Morning Alfie. Thank you for coming. Her Majesty’s Guards are ready to march off. May I have your permission to march off?” Und Alfie antwortete mit nicht minder fester Stimme: “Yes please.”

 

In der Mitte, auf dem Ehrenplatz der Königin, sitzt Alfie neben seinem Onkel und seiner Mutter. Er nimmt den Gruß des Offiziers entgegen und antwortet ihm.

 

Für Alfie Bartlam war der Samstag ein wundervolles Erlebnis. Seine Eltern sagten: “For our family it made a dream come true at a very difficult time.” Ich hoffe, dass sich ein weiterer Traum erfüllen wird und Alfie wieder gesund wird. Es kann nicht schaden, wenn man für ihn betete oder es ihm von ganzen Herzen wünscht. Für mich ist dieser Tag ebenfalls ein ganz besonderer gewesen, denn ich habe die Geschichte von Alfie erfahren und konnte sie deshalb hier erzählen. Ich werde den kleinen Jungen sicherlich nicht vergessen und ich hoffe sehr, dass wir uns noch ein drittes Mal in London begegnen. Ich werde meine Augen offen halten. Good luck, Alfie.